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Freitag, 25. März 2016

The King´s Armory - Unbearbeiteter Diamant

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Ich gebe es zu. Irgendwie war ich in meinen digitalen Zeiten immer Fan von Tower-Defence Spielen. Ob jetzt eine spezielle Map bei Warcraft III oder bei sonstigen Computerspielen war mir relativ egal. Ich mochte einfach das Prinzip. Mensch, ist das lange her. Heute spiele ich nämlich ausschließlich analog. Meine Liebe zu Tower-Defence Spielen ist aber systemübergreifend geblieben.

Umso erfreulicher war es für mich, dass The King´s Armory alles das beansprucht, was mein Turmbauherz nach all den Jahren digitaler Abstinenz so schmerzlich hat vermissen müssen. Klar, es gibt schon den ein oder anderen Vertreter - auch im Brettspielbereich. Diese kamen aber gefühlstechnisch nie so ganz an das Computererlebnis heran. Da wurde für mich einfach zu stark heruntergebrochen auf die Grundprinzipien. Die Liebe zum Detail, welche für mich in erster Linie gute Tower-Defence Spiele auf digitalen Plattformen ausgemacht haben, fehlte mir bisher einfach. Und das soll jetzt alles besser werden mit The King´s Armory? Einen Versuch war es wert.


Wie spielt sich das Ganze? Eigentlich ziemlich originalgetreu nach seinen digitalen Vorbildern. Wir bauen kooperativ Türme, rüsten Helden auf, engagieren Soldaten und versuchen damit eine sich steigernde Anzahl an Monsterwellen aufzuhalten. Werden diese zu übermächtig, schlengeln sich durch den vorgefertigten Parcours bis hin zum Burgtor und richten dort eine gewisse Anzahl an Schaden an, sodass das Tor fällt, haben wir verloren. Sind wir dazu in der Lage auch die letzte Monsterwelle inklusive Endboss aufzuhalten, bevor das Burgtor fällt, gewinnen wir. Easy, oder?
Spielmechanisch steuern wir unseren Helden durch Aktionspunkte. Mit diesen können wir uns bewegen oder eine der zahlreichen unterschiedlichen Sonderfähigkeiten auswählen und aktivieren. Letzteres läuft dann zu 90% auf eine Würfelprobe hinaus, um auszuloten, ob ein Hieb/Schuss/Schlag erfolgreich sitzt.
Die Monster werden dabei automatisiert gesteuert. Das Control-Panel dafür befindet sich auf den Monsterplättchen selbst. Mit winzig kleinen Symbolen wird festgelegt, wie schnell sich ein Monster bewegt, wohin es sich bewegt, wen das Monster angreift, wie stark und wann. Natürlich auch, welche Immunitäten ein Gegner hat, welchen Schadentyp er anrichtet und aus welcher Distanz. Eine ganze Menge also. Ein gemeinsames Abarbeiten der zahlreichen Monsteraktionen ist also angesagt. Da hilft - Gott sei Dank - dank zahlreicher Symbole - eine Übersicht in der Anleitung, welche ansonsten leider mehr durch niedliche Animationen, als durch sortierte Regelerklärungen auffällt.
Natürlich gibts noch eine ganze Menge anderer Dinge. So bekommen wir beispielsweise Belohnungen am Ende jeder Monsterwelle, um dann diese in bester Heldenmanier direkt im nächstbesten Shop auszugeben. Oder haben die regeltechnischen Möglichkeiten in eine laufende Partie einzusteigen oder selbige zu verlassen, wenn man mal plötzlich weg muss, und und und...


Nach mehrmaligem Spielen von The King´s Armory bin ich mir bei einem sicher: Ich war selten so hin und her gerissen. 
Das Nostalgische in mir liebt das Gesamtpaket. Es erfreut sich an der detailgetreuen Simulation eines Tower-Defence Spiels, es liebt Monsterwelle um Monsterwelle auf die mutigen Abenteurer einprasseln zu lassen und schwelgt in Erinnerungen, wenn Abenteurer aufgelevelt werden, Items gesammelt oder der große Endboss kurz vor dem Ziel mit einem zielsicheren Kopfschuss vom Bogenschützen hingerichtet wird. Alles gut.
Der Brettspieler in mir schlägt innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Viel zu detailliert und zu wenig auf das Wesentliche fokussiert. Ihn nervt das ewige Haushalten, die unzähligen kleinen Symbole auf den Monstern, die fehlende Spannung in den ersten Wellen, der hohe Glücksfaktor beim Kampf, die unsortierte Anleitung oder die lange Spieldauer. Schwierig.


Was will das nun heißen? The King´s Armory spaltet mich. Ich wollte den Detailgrad. Ich wollte die perfekte Simulation. Das bekam ich. Doch ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jedermanns Sache ist. Das Spiel wirkt wie eine Art Rohdiamant. Ungeschliffen, wunderschön, voller Möglichkeiten, aber eben auch unvollkommen, kompromisslos und unangepasst. 
The King´s Armory ist ein typisches Kickstarterprodukt. Kleiner Verlag hat große Idee. Was am Ende oftmals die Folge daraus ist, sieht man hier wunderbar. Es ist ein Gesamtpaket. Der Designer wollte einfach alles hineinpacken - all die Details, all das Nostalgische. Um ein flüssiges Spielerlebnis zu generieren braucht es aber redaktionellen Feinschliff, Kompromisse und Anpassungen. Die hat The King´s Armory, so scheint es, wenig bekommen.


Nicht falsch verstehen. Auf eine ganz gewisse Art mag ich The King´s Armory. Ich spiele es gerne und verliere mich in Details, während ich auf meiner Nostalgiewolke schwebe. Ich weiß aber auch, dass ich diesen Titel nicht mit der üblichen Spielerunde auf den Tisch bringen kann. Da müssen schon Gleichgesinnte her - Nostalgiker eben. Fans des Genres.
Eine wirkliche Empfehlung kann ich also uneingeschränkt nicht aussprechen. Die Art von Spieler, die sich allein vom Thema angesprochen fühlen, werden ohnehin zugreifen - auch ohne meinen Segen und höllisch ihren Spaß haben. Für alle Unentschlossenen ist es vermutlich nichts.

The King´s Armory vonJohn Wrot
Erschienen bei Gate Keeper Games
Für 1-7 Spieler in 30 - 240 Minuten
Boardgamegeek-Link

Vielen Dank an Gate Keeper Games für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek oder dem jeweiligen Verlag (hier Gate Keeper Games)

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