Mittwoch, 11. April 2018

Spirit Island

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Spirit Island ist unzweifelhaft eines der „Cool Kids“ der jüngsten Vergangenheit in der Brettspielszene. Über Kickstarter finanziert mit eigenwilligem und dennoch irgendwie coolem Artwork und einer interessanten Spielidee; und dann nach Auslieferung durch die Decke gegangen wie die berühmte Schmitz Katze. Schnell war die erste Auflage vergriffen und die wenigen Exemplare wurden auf dem zweiten Markt verscherbelt wie warme Semmeln. Die ersten Rezensionen überflügelten sich mit Lob. Doch ist Spirit Island eben jener Meilenstein der kooperativen Spiele, wie er von vielen Seiten angepriesen wurde? Ich sage nein. Ein Meilenstein ist Spirit Island nicht. Es erfindet das Rad nicht neu. Ist Spirit Island ein gutes Spiel? Oh ja! Und was für eins. Selten ein so puzzeliges und thematisches kooperatives Spiel gespielt in den letzten Jahren.


Thematisch holt mich Spirit Island total ab. Ich gebe gerne zu, dass ich absoluter Fan des Zeitalters der Entdeckungen bin. Brettspiele mit diesem Thema haben dann auch immer einen ganz eigenen Bonus bei mir (Age of Discovery, Colonial, etc.). Spirit Island zäumt das Pferd aber von hinten auf. Denn hier spielen wir die Insel selbst – bzw. deren Geister, die sich mit allen Mitteln gegen die Invasoren aus der Ferne wehren wollen. Während unsere einheimischen Stämme und unsere Präsenz mit schicken Holzspielsteinen dargestellt werden, die sich optisch schön an die grafische Gestaltung der Karte anschmiegen, werden die Invasoren durch weiße Plastikminiaturen dargestellt – was bereits nach dem ersten Aufbauen als optisch fremd wahrgenommen wird. Kein Wunder, dass man bereits hier ganz natürlich das Bedürfnis hat, den Spielplan vom Plastik zu befreien, was glücklicherweise auch das kooperative Spielziel in Spirit Island ist.

Die Invasion der Plastiksoldaten in Spirit Island ist wie eine Art Kampf gegen Windmühlen – ein schier endloses Unterfangen, was bereits nach wenigen Spielzügen wie eine aussichtlose Mission aussieht. Denn auch wenn die Ausbreitungsschemata der Plastiksoldaten bis auf eine kleine Ausnahme vorherbestimmbar sind, ist die Ausdauer und vor allem das Tempo, das die Fremden vorlegen, enorm.
In einer jeden Runde siedeln neue Soldaten in einer bestimmten Landschaft auf der Insel. Haben sie erst einmal gesiedelt, bauen sie in der kommenden Runde in diesen Landschaften Dörfer und Städte. Haben sie das erledigt, folgt die Ausbeutung der Insel in dieser Region. Spirit Island kann – soweit möchte ich hier aber bewusst nicht gehen – auch als Mahnmal dienen. Es skizziert bisweilen allzu deutlich unsere Verfehlungen an der Natur und deren Folgen.


Wir hingegen begegnen dem Thema der Kolonialisierung mal von der ganz anderen Seite. Während jeder Spieler einen sich völlig asymmetrischen Geist der Insel übernimmt, besteht unsere Aufgabe fortan kooperativ den Invasoren derart Angst zu machen, dass diese in Panik die Insel verlassen und wieder himmlische Ruhe im Paradies herrscht. Unsere Aktionen steigern sich im Spiel. Wir beginnen schwach und mit entsprechend geringer Wirkung. Ein kleiner starker Regen hier, ein Buschfeuer da. Grundsätzlich nichts mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ziel an dieser Stelle in Spirit Island st es den sprichwörtlichen Kopf über Wasser zu halten. Kämpfe verloren geben, die es nicht zu gewinnen gibt. Land retten, das zu retten ist. Beuten die Plastiksoldaten zu viel Land aus, haben wir verloren. Das Gleichgewicht der Insel kommt ins Schwanken und auch wir müssen bald Autobahnen und Flughäfen weichen.


Im Laufe einer Partie von Spirit Island gewinnen wir aber mehr und mehr die Oberhand. Nun gilt es zu prüfen, ob es bereits zu spät ist, oder ob wir nun Stück für Stück die Insel zurückgewinnen können. Spielerisch passiert dies über Aktionskarten, die gleichzeitig von allen Spielern ausgesucht und dann entsprechend abgehandelt werden. Dabei spielt es eine Rolle, ob meine Aktionskarte schnell oder langsam ist. Während schnelle Karten nämlich vor der Invasorenphase zum Zuge kommen, müssen die langsamen sich entsprechend gedulden und werden erst ausgeführt, nachdem die Soldaten ihr Unwesen getrieben haben – und in den meisten Fällen der Schaden bereits angerichtet ist. 

Es gilt hier also den richtigen Mittelweg zu finden zwischen schneller ersten Hilfe (die in der Regel wenig Schaden anrichtet, sondern eher vorbereitend wirkt), und langsamen aber tödlichem Schaden. Allein dieses Puzzle des richtigen Timings ist in Spirit Island enorm fordernd und knifflig. Wenn man nun bedenkt, dass mit zunehmender Spieldauer die Aktionen der einzelnen Geister auch zwingend miteinander verzahnt werden wollen, so ahnt man bereits, welche Dimensionen Spirit Island entwickeln kann. Ich persönlich möchte sogar so weit gehen, dass mir Spirit Island zu viert in Vollbesetzung einfach zu viel ist. Spirit Island hat ein enormes Schwierigkeitslevel, welches nur bezwungen werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Aktionen müssen geplant werden, Synergien gefunden und ausgeführt werden. Spirit Island ist an dieser Stelle wie ein Tanz. Jede Bewegung muss sitzen. Timing ist der Schlüssel. Das fordert eine Menge Gehirnschmalz.


Die Verzahntheit und die enorme Asymmetrie zwischen den einzelnen Geistern ist aber auch die große Stärke von Spirit Island. Ich genieße es die unterschiedlichen Herangehensweisen der einzelnen Geister auszuprobieren. Will ich als Erdelement eher eine passive Verteidigungsrolle einnehmen, oder als Schrecken der Nacht den Invasoren schreckliche Alpträume bereiten. Spirit Island ist bunt, vielfältig und läd zum probieren ein. Für die Qualität des Spiels spricht, dass es immer einen Weg gibt die Insel zu retten. Mal ist dieser offensichtlicher, mal riskanter, mal konservativer. Es kommt auf die Kombination der Geister an und deren Interaktion mit der Insel. Der unheimliche Spielspaß in diesem Strategieschwergewicht steckt im Entdecken der Möglichkeiten und der Strategien. 

Für mich ist Spirit Island eines der herausragenden Spiele der letzten Zeit.

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Spirit Island von Eric Reuss
Erschienen bei Greater Than Games
Für 1 bis 4 Spieler in ca. 120 Minuten
Boardgamegeek Link

sämtliche Bilder sind von uns selbst erstellt oder aus dem Pressematerial des jeweiligen Verlages (hier Greater Than Games)

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