20.06.2018

Otys

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Postapokalyptische Szenarien scheinen für Brettspiele derzeit im Trend zu liegen: Nach Outlive präsentiert uns auch Otys eine Welt, in der die menschliche Zivilisation in sich zusammengestürzt ist. Nach jahrhundertelanger Ausbeutung der Erde und dem Zulassen des Klimawandels hat die Natur zurückgeschlagen: Der Meeresspiegel ist angestiegen und sämtliches Land ist überflutet.

Als Teil der Otys-Kolonie liegt es an den Spielern, das Fortbestehen des einer Bohrinsel gleichenden Stützpunkts zu sichern. Dazu müssen sie Taucher in die Tiefen des Meeres schicken, um der überschwemmten Infrastruktur aus früheren Zeiten brauchbare Ressourcen zu entreißen. Wer dabei durch das Erfüllen von Aufträgen zuerst 18 Prestigepunkte erreicht, gewinnt.

An dieser Stelle sind bereits einige Schlagwörter gefallen, die vermuten lassen, in welche Richtung sich eine Partie Otys entwickeln wird. Rohstoffe müssen geschickt durch Arbeiter (hier: Taucher) geborgen und dadurch Siegpunkte eingeheimst werden. So einfach ist es dann aber doch nicht, denn Otys wirft diese erwartbaren Mechanismen sprichwörtlich über Bord und lässt in den Strudeln des Meeres etwas Neues, bisweilen aber sehr Abstraktes entstehen.


Die meiste Zeit einer Runde gucken die Spieler auf ihre Tableaus, die einen Querschnitt des Meeres zeigen. Der Ozean wird dabei in fünf unterschiedliche Ebenen unterteilt, was ein bisschen an Stockwerke erinnert. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch eine besondere Eigenschaft der Tableaus: Die dicken Kartons erlauben Einbuchtungen wie etwa den einem Aufzugsschacht gleichenden Platz in der Mitte des Tableaus, in den die acht Taucherplättchen der Spieler passen. Fünf der Taucher sind auf diese Weise in den fünf Ebenen unter Wasser zugange, während drei Taucher an der frischen Luft auf ihren Einsatz warten.

Entscheidet sich der Spieler eine Ebene – und damit den dortigen Taucher – zu aktivieren, darf dieser seine individuelle Aktion ausführen und muss danach auftauchen. Dazu wird er aus dem Tableau entfernt und alle Taucher, die sich über ihm befinden, tauchen eine Ebene tiefer hinab und schließen so die entstandene Lücke. Der eben aktivierte Taucher stellt sich oben wieder an. Danach darf der nächste Spieler einen Taucher aktivieren.

Vier der Taucher sind dafür zuständig, je eine der vier Ressourcen im Spiel ausfindig zu machen, wodurch ein Würfel des entsprechenden Rohstoffs in die Ebene gelegt wird, in der gesucht wurde. Stimmt die Kombination der Ressourcenwürfel auf einer Ebene mit einer der öffentlich ausliegenden oder persönlichen Auftragskarten überein, können sie für die entsprechenden Siegpunkte eingetauscht werden. 


Dieses Grundprinzip des richtigen Einsatzes der Taucher, um sie vorteilhaft zu positionieren, gewinnt durch mehrere weitere Faktoren an Komplexität. So kann jede Ebene zunächst nur einmal aktiviert werden. Das aktivierte Zugangsplättchen der Ebene (für das es ebenfalls eine Ausbuchtung gibt) wird – wie der Taucher – entfernt und an eine Art Führungsschiene an der Unterseite des Tableaus gelegt. Hier befindet sich eine Aussparung an der Unterseite des Kartons, an der die Plättchen Halt finden. Nacheinander werden die Plättchen hier aufgereiht bis sie das Plättchen des Hackers erreichen und der Spieler alle wieder zurückbekommt, um sie erneut einzusetzen. Ein X-Zugangsplättchen erlaubt außerdem, eine Ebene nach Wahl ein weiteres Mal zu aktivieren.

Bis zu diesem Punkt klingt das diffuse Plättchengeschiebe relativ trocken (und das bei so viel Wasser!) und leider ist es das auch. Viele Schritte im Spielverlauf sind nur dürftig oder unzureichend mit thematischen Elementen unterfüttert. Ich verstehe beispielsweise nicht, wieso gerade ein Hacker gebraucht wird, um mir erneuten Zugang zu den Ebenen zu gewähren. Es ist nachvollziehbar, dass es – spielerisch betrachtet – eine Einschränkung in der Aktivierung von Ebenen und Tauchern geben muss, aber die vom Spiel dargelegten, thematischen Gründe lassen mich skeptisch zurück. Überhaupt fühlen sich alle Schritte in Otys sehr abstrakt an. Das merkt man allein schon an der Anleitung, die sich schwer damit tut, die abstrakten Regeln um Zugangs-, X-Zugangs-, Sponsoren- und Belohnungsplättchen zu vermitteln.


Und dennoch greifen die einzelnen Ideen ineinander: Hat man die Regeln dann doch – ganz ohne thematische Erdung – verstanden, gibt es einiges zu tüfteln und zu berücksichtigen. Die für alle Spieler geltenden Sponsorenplättchen etwa gewähren je nach aktivierter Ebene einen anderen Soforteffekt. Da wird es plötzlich wichtig, die Ebenenaktion eines Tauchers mit den Sponsorenplättchen in Einklang zu bringen, um maximales Kapital aus den verfügbaren Möglichkeiten zu schlagen. In Notfällen können außerdem Batteriemarker eingesetzt werden, um das Auftauchen eines Tauchers nach seiner Aktion zu verhindern oder um die Position der Taucher zu verändern.

Hat man nach einigen Partien erst einmal die Feinheiten des Spiels erkannt, steigt auch der Konkurrenzkampf zwischen den Spielern. Ist in der ersten Runde noch jeder sehr mit seinem eigenen Kram beschäftigt und dadurch jegliches Gefühl von Rivalität nicht vorhanden, guckt man später ganz genau, ob die Mitspieler nicht auch exakt denselben öffentlichen Auftrag erfüllen möchten. Dann werden alle Hebel, die Otys bietet, in Bewegung gesetzt, um der Konkurrenz zuvorzukommen. Mit dem Einsatz des X-Plättchens wird etwa auch die Reihenfolge der Sponsorenplättchen verändert, wodurch man einen Mitspieler beispielsweise um einen für seinen Zug essentiellen Bonus berauben kann.


Und obwohl das Spielprinzip und das Ausführen all dieser Winkelzüge Spaß macht, kostet es jedes Mal Überwindung Otys auf den Tisch zu bringen. Zu abstrakt ist das Rumgeschiebe der Plättchen, zu blass die thematische Logik geraten. Dazu kommt noch, dass die Tableaus stark gebogen dahergekommen sind. Gerade, wenn ein Spiel Plättchen in Ausbuchtungen und kleine Schienen eingesetzt sehen will, ist das eher kontraproduktiv.

Es bleibt ein schaler Beigeschmack nach dem Spielen von Otys zurück, den selbst das salzige Meerwasser nicht fortspülen kann.

Edit 22.06.2018
In einer früheren Version des Artikels wurde angemerkt, dass die einzelnen Ressourcen keine individuellen Namen tragen. Das hat sich als falsch herausgestellt und wurde entsprechend angepasst.

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Otys von Claude Lucchini
Erschienen bei Asmodee
Für 2 bis 4 Spieler in ca. 60 Minuten
Boardgamegeek Link

sämtliche Bilder sind von uns selbst erstellt oder aus dem Pressematerial des jeweiligen Verlages (hier Asmodee)

Kommentare:

  1. Die Rohstoffe sind sehr wohl benannt:
    Tech, Treibstoff, Pflanzen und Metall

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    1. Huch! Du hast vollkommen recht! Danke für den Hinweis, wir ändern das ab.

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