http-equiv = "content-language" content = "en" lang = de; lang=de; Kavango - BoardgameMonkeys_Brettspielrezensionen <BoardgameMonkeys_Brettspielrezensionen></BoardgameMonkeys_Brettspielrezensionen> ~ BoardgameMonkeys_Brettspielrezensionen

06.11.2026

Kavango


Es gibt Flüsse, die ins Meer münden, und es gibt den Okavango. Der entspringt im Hochland Angolas, macht sich auf den langen Weg Richtung Süden und versickert schließlich in der Kalahari, nicht ohne vorher eines der fruchtbarsten Feuchtgebiete Afrikas zu erschaffen. Wo eigentlich Wüste sein müsste, wachsen Schilf und Bäume, tummeln sich Fische und Insekten, grasen Antilopen und Zebras, stapfen Elefantenherden durchs Wasser und warten Löwen und Wildhunde auf ihre Gelegenheit. Ein Kreislauf des Lebens, wie ihn sich Disney nicht schöner hätte ausdenken können. Die Autoren von Kavango, Matt Brown und Zara Reid, haben diese Region nicht aus Dokumentationen kennengelernt, sondern dort gelebt: Nach ihrer Hochzeit zog es die beiden nach Botswana, wo Zara im Kampf gegen den illegalen Wildtierhandel arbeitete. Ihre Erfahrungen vor Ort haben sie in Kavango gegossen, einem Spiel über das größte länderübergreifende Naturschutzgebiet der Welt. Ich konnte Kavango bereits 2023 auf der SPIEL in Essen als Prototyp ausprobieren, gerade als die erste Kickstarter-Kampagne online ging, und schon damals hat mich das Spiel positiv überrascht. Inzwischen ist es bei Schmidt Spiele auf Deutsch erschienen. Zeit also, das eigene Reservat noch einmal zu eröffnen.

Spielablauf: Wildniskarten draften, Aktionen ausführen

Aber von vorne: In Kavango übernehmen wir die Rolle von Naturschutzexpertinnen und -experten, die über drei Runden ein eigenes Reservat aufbauen. Jede Person erhält dazu zwei Tableaus: ein Landschaftstableau, das eines der Ökosysteme der Region darstellt und am oberen Rand bereits einige Produzenten zeigt, sowie ein großes Reservatstableau mit Platz für 24 Tierkarten. Hinzu kommen eine Spezialistenkarte mit individuellem Vorteil und zwei Start-Tierkarten. Zu Beginn jeder Runde erhalten wir einen Stapel Handkarten, die sich aus Wildnis- und Aktionskarten zusammensetzen. Eine Runde umfasst genau zehn Züge, sodass am Ende stets zwei Karten übrig bleiben.


Die Züge laufen weitgehend gleichzeitig ab. Wir wählen eine Karte aus unserer Hand, legen sie verdeckt vor uns ab und decken anschließend alle gemeinsam auf. Eine Aktionskarte löst sofort ihren Effekt aus, bringt etwa Geld ein oder erlaubt es, den Ablagestapel nach einer bestimmten Karte zu durchsuchen. Eine Wildniskarte dürfen wir ins Reservat spielen, sofern wir ihre Bedingungen erfüllen. Und die bauen thematisch sauber aufeinander auf: Produzenten wie Gräser, Bäume, Wirbellose und Fische bilden die Basis der Nahrungskette und werden unter das Landschaftstableau geschoben. Kleinere Tiere benötigen bestimmte Produzenten, größere Raubtiere wiederum die passenden Beutetiere, manche Arten zusätzlich eine bestimmte Schutzstufe. Passt eine Karte noch nicht, können wir sie in der Auffangstation parken, die bis zu drei Tiere aufnimmt, oder sie abwerfen und dafür Geld kassieren. Daraufhin geben wir die übrigen Handkarten an die nächste Person weiter, ganz klassisches Drafting im Stile von 7 Wonders also.

Der zweite Motor des Spiels ist das Geld. Auf dem zentralen Spielplan liegen in jeder Runde vier Forschungsaufgaben aus, die wir in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen erfüllen können und die uns Siegpunkte und Geld einbringen. Dieses Geld investieren wir in den Habitat- und Wildtierschutz unseres Reservats, in Renaturierungskarten, die einen fehlenden Produzenten nachliefern, oder in den gemeinsamen Klimaschutzfonds, von dessen Stufen anschließend alle am Tisch profitieren. Da manche Tiere erst ab einer bestimmten Schutzstufe einziehen, ist das Investieren keine Nebensache, sondern Voraussetzung für die großen Punktebringer. Diese kommen ohnehin erst ab der zweiten Runde ins Spiel, während die Produzenten nur in den ersten beiden Runden auftauchen.


Nach der dritten Runde folgt die Schlusswertung. Zu den Punkten aus den Forschungsaufgaben addieren wir die Werte aller Tiere im Reservat sowie Boni für Biodiversität, wenn wir alle elf Produzenten- und Tierkategorien vertreten haben, für mindestens acht Millionen im Klimaschutz und für die höchste Stufe in Habitat- und Wildtierschutz. Wer möchte, mischt optional noch Zielkarten unter, die für bestimmte Arten oder Lebensräume zusätzliche Punkte versprechen.

Der Okavango im (Spiel)Fluss

Mir persönlich gefällt vor allem der Spielfluss. Das gleichzeitige Draften im Stil von 7 Wonders sorgt dafür, dass kaum Downtime entsteht und die zehn Züge einer Runde förmlich dahinfliegen. Dabei spürt man in jeder Partie, dass hier zwei Menschen am Werk waren, die wissen, wovon sie sprechen: Das Naturthema ist nicht bloß aufgeklebt, sondern beeindruckend umgesetzt, weil die Karten tatsächlich thematisch aufeinander aufbauen. Erst das Gras, dann die Antilope, dann der Löwe – das ist logisch, nachvollziehbar und macht schlichtweg Spaß. Es hat etwas ungemein Befriedigendes, das eigene Ökosystem Runde um Runde wachsen zu sehen, bis sich am Ende eine bunte Tierwelt vor einem ausbreitet.


Hinzu kommt die zentrale Abwägung, wann ich mich auf Geld und wann auf Tiere konzentriere. Werfe ich eine Karte für Millionen ab, um die nächste Schutzstufe zu erreichen, oder siedle ich lieber jetzt das Zebra an? Zahle ich in den Klimafonds ein, obwohl die anderen davon ebenso profitieren? Diese kleinen Entscheidungen tragen das Spiel und sorgen dafür, dass man selten das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten.

Wenig Neues, viel Platz

Kavango ist allerdings auch kein Spiel, das das Rad neu erfindet. Drafting, Tableau-Aufbau, Voraussetzungen erfüllen, Ziele abarbeiten: das alles kennt man aus zahlreichen anderen Titeln. Wer viel Brettspielerfahrung mitbringt und nach neuen Mechanismen oder überraschenden Kombos sucht, könnte sich nach einigen Partien durchaus etwas langweilen. Hinzu kommt ein spürbarer Zufallsfaktor: Ob die passenden Karten zur richtigen Zeit bei mir landen, liegt nur bedingt in meiner Hand. Mal fügt sich alles wunderbar zusammen, mal taucht eine unerreichbare Zielkarte auf oder ich sitze auf einem Raubtier, dessen Beute in dieser Partie schlicht nicht gezogen wird. Aktionskarten können das etwas abfedern, ganz aus der Welt schaffen sie es nicht. Wer damit leben kann, wird seinen Spaß haben, wer jede Entscheidung bis ins Letzte kontrollieren möchte, eher nicht.


Ansonsten braucht Kavango sehr viel Platz. Zwei Tableaus pro Person, ein zentraler Spielplan und bis zu acht Kartenstapel daneben füllen auch einen großzügigen Esstisch schneller, als einem lieb ist. Theoretisch könnte man auf die große Auslage sogar verzichten und die Tiere so auslegen, dass nur die Symbole sichtbar sind. Das wäre funktionaler, würde aber sowohl die hübschen Illustrationen von Matt Brown abdecken als auch einiges von der Immersion in das eigene Ökosystem nehmen. Nicht zur Immersion tragen allerdings die Forschungskarten bei: Während die Tiere mit viel Liebe zum Detail gezeichnet sind, wirken diese im direkten Vergleich ausgesprochen lieblos gestaltet. Schwarze Schrift in 12 Punkt Times New Roman (?) auf weißem Hintergrund sieht einfach sehr nach Prototyp aus.

Fazit: Thematisches Drafting mit Zufall und gutem Spielfluss

Insgesamt ist Kavango ein sehr empfehlenswertes Spiel auf einfachem Kennerniveau. Wer Drafting-Spiele wie 7 Wonders mag, gerne eine eigene Auslage wachsen sieht und sich für Natur und Tiere begeistert, bekommt hier ein rundes, zugängliches Paket mit echtem Herzblut. Wer dagegen nach spielerischer Innovation sucht oder Zufall in Kartenspielen grundsätzlich nicht ausstehen kann, sollte vorher einmal probespielen. Mich hat Kavango thematisch voll abgeholt, schon damals am Prototypen-Tisch in Essen. Schön, dass Kavango uns nun auch in der deutschen Version erreicht hat und nicht wie der namensgebende Fluss in der Wüste versickert ist.

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Kavango von Matt Brown & Zara Reid
Erschienen bei Schmidt Spiele
Für 1-4 Spielende in ca. 60 Minuten ab 10 Jahren


sämtliche Bilder sind von uns selbst erstellt oder vom jeweiligen Pressematerial des Verlages (hier Schmidt Spiele)