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Donnerstag, 7. März 2013

Colonial - Augenschmaus mit Schönheitsfehlern

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Im Jahr 2011 erschien das von Christophe Pont designete Spiel Colonial: Europes Empires Overseas beim schweizer Verlag Stratagem. Es ist ein Spiel von 2-6 Spielern und dauert ca. zwischen 120 und 180 Minuten. Das Spiel erschien zunächst mit mehr als fehlerhaften Regeln und auch nur für 3-6 Spieler, sodass 2012 eine zweite Edition über Kickstarter angeboten wurde. Die Auslieferung dieser steht jedoch aufgrund massiver Verzögerungen noch immer aus.
Aus diesem aktuellen Anlass heraus nutze ich die Gelegenheit um das Spiel etwas zu beleuchten.[...]

Spielverlauf und Spielziel

In Colonial: Europes Empires Overseas übernehmen die Spieler die Kontrolle einer europäischen Großmacht und versuchen die außereuropäische Welt zu kolonisieren und dabei am schnellsten 10 Prestigepunkte zu sammeln. Diese erhalten die Spieler über diverse Aktionen wie Krieg, die Gründung von Kolonien, das Gründen einer blühenden Handelsstadt oder aber das Entdecken diverser Landpartien.
Jeder Spieler erhält ein Spielertableau auf welchem er seine Kriegsschiffe, seine Handelsschiffe, seine Prestigepunkte und sein Gold darstellt. Hierbei hat jeder Spieler kreisrunde Holzspielsteine, welche in den verschiedenen Feldern einfach hin- und hergeschoben werden. Liegt ein Spielstein beispielsweise auf dem Feld der Handelsschiffe, bedeutet dies, dass der Spieler ein Handelsschiff hat. Kauft er im Verlauf des Spiels ein Handelsschiff, so schiebt er einfach einen Spielstein von der Schatztruhe in das Feld der Handelsflotte. Das Spiel kommt somit mit wenig Materialien aus, welche sinnvoll und logisch genutzt werden.
Gespielt wird Colonial: Europes Empires Overseas anhand verschiedenster Handlungskarten, welche die Spieler zu Beginn ihrer Runde vor sich ablegen (5 von 6). Die Spieler sind, durch das Vorab-Ablegen der Karten, jedoch nicht komplett an eine bestimmte Taktik für diese Runde gebunden, da jede Karte zwei verschiedene Handlungsmöglichkeiten beinhaltet, welche man spontan beim Aufdecken der jeweiligen Karte wählen kann.
Der Entdecker ermöglicht es dem Spieler die verschiedenen Gebiete der wundervoll gestalteten Weltkarte zu entdecken. Hierbei ist jedem Gebiet (mit wenigen Ausnahmen) ein Prestigepunkt zugeordnet, den der ausspielende Spieler bei einer erfolgreichen Entdeckung erhält. Über Erfolg und Misserfolg bei der Entdeckung entscheiden die Würfel.  Bei einer erfolgreichen Entdeckung hat der Spieler die Möglichkeit das Gebiet friedlich zu besiedeln (opfern eines Handelsschiffes) oder es militärisch zu erobern (Opfern eines Goldes) um dabei die Kontrolle der Ressource zu erlangen. Bei letzterem keimen Unruhen auf, welche sich später zu einer Rebellion entwickeln können, wenn sie unbeobachtet bleiben.
Der Wissenschaftler erlaubt es dem Spieler eine der vier Technologien des Spiels gegen Geld um eine Stufe weiterzuentwickeln. Diese sind Seefahrt, Logistik, Wirtschaft und Militär.
Der Missionar erlaubt es dem Spieler entweder ein Unruheplättchen in einer Region auf seine Missionarsseite umzudrehen oder ein neues Missionarsplättchen in einer beliebigen Region zu platzieren. Dieser Charakter dient in erster Linie dem Selbstschutz vor Rebellionen durch die Einheimischen. Ein zu großer Unruheherd kann sehr schnell in verschiedenen Regionen zu großen Problemen für die Spieler werden, sollten sie unbeobachtet bleiben.
Der Vizekönig bietet den Spielern die Möglichkeit den Einfluss in den bereits erkundeten Gebieten zu erweitern. Spielt man ihn, darf der jeweilige Spieler eine Anzahl an Holzplättchen aus seinem Schatzvorrat in eine beliebige erkundete Region auf der Weltkarte platzieren, welche dem aktuellen Logistikwert des Spielers entspricht. Ändern sich hierbei die Mehrheitsverhältnisse, geht die Kontrolle der Ressource in den Besitz des Spielers mit den meisten Plättchen über. Zusätzlich wird diese Aktion in einem solchen Fall als "feindlich" angesehen, sodass der Marker des ausspielenden Spielers auf der Diplomatieleiste einen Schritt nach unten rutscht. Der Vizekönig bietet eine hervorragende Möglichkeit die Kontrolle über Ressourcen zu erlangen, wenn die eigenen Erkundungswürfe beim Ausspielen des Entdeckers nicht sonderlich erfolgreich sind. Jedoch ist ein zu häufiges Nutzen dieser Strategie mit starkem diplomatischen Verlust gekoppelt.
Der Rebell ermöglicht den Spielern die Pläne ihrer Mitspieler zu erschweren, da man mit ihm entweder einen Unruhemarker in ein bereits entdecktes Gebiet legen, einen Missionsmarker auf der Karte entfernen oder eine Rebellion starten kann. Voraussetzung für die letztgenannte Aktion ist, dass in einem Gebiet mindestens ein Unruhe- und kein Missionsmarker liegt. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so würfelt der Spieler und multipliziert die Treffersymbole mit dem Stabilitätswert der Region. Das Ergebnis zeigt an, wie viele Kolonisten der Rebellion zum Opfer fallen. Verliert man dadurch sogar die Kontrolle über eine Kolonie, so wird diese unabhängig und der ehemalige Besitzer verliert Prestige. Da der Spieler, der die Rebellion gestartet hat, auswählen darf, welche dies sind, ist die Rebellion eine gute Alternative die Mehrheitsverhältnisse in den diversen Regionen zu verändern.
Mit dem Botschafter darf ein Spieler einen Unruhemarker entfernen und seine Nation auf der Diplomatieleiste nach oben bewegen. Er ist der einzige Charakter, welcher dies ermöglicht, was ihn zu einem meist unterschätzten aber wertvollen Charakter macht.
Der Eroberer bietet dem Spieler eine weitere Möglichkeit Prestigepunkte zu sammeln. Hat ein Spieler ausreichend Kolonistenmarker in einer Region und kontrolliert in dieser alle Ressourcen, so kann er durch den Eroberer eine Kolonie gründen. Diese gibt dem Spieler nicht nur einen Prestigepunkt, sondern ermöglicht es auch mehr Waren zu verkaufen in späteren Phasen. Zeitgleich kann nur der Inhaber der Kolonie neue Kolonisten in dieser Region platzieren und sichert somit seinen Besitzanspruch.
Der Governeur ermöglicht es dem Spieler eine blühende Handelsstadt zu gründen und somit ebenfalls einen Prestigepunkt zu gewinnen. Diese ist nicht zwangsläufig an eine Kolonie gekoppelt, bietet dem Spieler, der sie kontrolliert jedoch einen enormen Vorteil beim späteren Handel. Sollte sich eine blühende Stadt zu lange im Besitz eines einzelnen Spielers befinden, so wird es im Verlauf des Spiels sehr schwer diesen Spieler vor dem Sieg zu stoppen.
Mit dem Fürst besteht die Möglichkeit der Kriegsführung. Krieg kann man immer nur gegen einen Spieler führen, der sich auf der selben Position oder niedriger als man selbst auf der Diplomatieleiste befindet. Diese findet in Colonial in erster Linie auf See statt und wird ausschließlich durch Würfel entschieden. Die Anzahl der Militärschiffe ist hier von großer Bedeutung. Hierbei gilt es bei einer drohenden Niederlage lieber schnell aufzugeben, da man bei Verlust der letzten Schiffe schnell zum Selbstbedienungsladen der anderen für Prestigepunkte wird, denn der Gewinner eines Krieges erhält einen Prestigepunkt vom Unterlegenen.
Die Schatzmeisterin bietet den Spielern die Möglichkeit Kredite aufzunehmen, welche pro Zug mit weiteren Zinsen belastet werden. Ein Spieler kann nur dann das Spiel gewinnen, wenn er schuldenfrei ist.
Die letzten beiden Charaktere der Händler und der Tauscher geben Colonial einen Touch von Wirtschaftssimulation. Hierbei haben die Spieler die Möglichkeit Waren aus den Kolonien auf den Markt zu verschiffen und diese anschließend gewinnbringend verkaufen. Hierbei besteht nicht nur die Möglichkeit eigene Waren zu verschiffen und zu verkaufen, sondern auch die der Mitspieler. Hierbei sind dem Verhandlungsgeschick der Spieler keine Grenzen gesetzt. So entsteht hierbei des öfteren der ein oder andere Gefallen, der später zurückgegeben werden kann.
Sind sämtliche Handlungskarten aller Spieler abgehandelt, so haben die Spieler zudem die Möglichkeit neue Handelsschiffe oder Militärschiffe zu kaufen.

Resume

Colonial: Europes Empires Overseas ist ein klassisches Eurospiel mit einigen Aspekten einer klassischen Wirtschaftssimulation. Das Spiel besticht durch sein detailreiches und wunderschön gestaltetes Spielbrett. Dieses und sämtliche anderen Komponenten wurden mit sehr viel Liebe zum Detail entworfen. Vorallem wird deutlich, dass der Designer ein Fan der Geschichte ist. So gibt es zahlreiche Details, wie die Entdeckung Amerikas, die kulturabhängige grafische Darstellung der Einwohner auf der Karte, oder aber auch die sehr schön gestaltete Anleitung, welche zwar alle minimalen Einfluss auf das Spiel selbst haben, jedoch dieses enorm aufwerten.
Fans der Geschichte und insbesondere Anhänger des Themas der Kolonialisierung Amerikas können bei Colonial: Europes Empires Overseas nichts falsch machen. Der Detailreichtum soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Spiel kleine Schwächen hat. Nicht umsonst wurden die Regeln der ersten Edition stark verändert. Aber auch in der aktuellen Version besteht gegen Ende des Spiels ein sehr starkes "Leaderbashing"-Problem. Die ersten Prestigepunkte gewinnt man noch recht schnell ohne große Intervention der Gegenspieler. Erreicht man jedoch den achten Prestigepunkt, so kann man sich gewiss sein, dass die anderen Mitspieler den Rebellencharakter oder den Fürstencharakter im Übermaß einsetzen um ein drohendes Ende um jeden Preis zu verhindern. Sinnvoll ist es daher immer sich vor dem finalen Prestigerun gut auf der Diplomatieleiste zu platzieren und ausreichend Missionsmarker in den eigenen Kolonien zu setzen um einem Prestigeverlust vorzubeugen.
Ein weiterer Kritikpunkt des Spiels ist sicherlich die festgeschriebene Spieleranzahl. Es bietet zwar offiziell Platz für 2-6 Spieler, jedoch ist ein Spiel eigentlich nur von 5-6 Spielern sinnvoll. Für jede andere Anzahl ist die Welt zu groß, sodass zu viele Prestigepunkte durch erkunden gewonnen werden und die Interaktion minimal ist. Gegebenenfalls muss man eine gewisse Anzahl an Kontinenten absperren.
Alles in allem ist Colonial: Europes Empires Overseas ein Spiel was durch Atmosphäre und sehr viel Liebe zum Detail besticht. Der Spielmechanismus ist dennoch gut und ansprechend. Die Regeln sich allerdings sehr komplex mit vielen Details. Auch nach mehrmaligem Spielen ist ein Nachlesen des öfteren notwendig.

 
sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek.com bzw. vom jeweiligen Verlag (hier Stratagem)
 

1 Kommentar:

  1. Klasse Review. Ich finde auch das die größte Stärke des Spiels das Design und die größte Schwäche das Leaderbashing ist. Insgesamt ist es aber ein tolles Spiel

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