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Donnerstag, 15. August 2013

Android: Netrunner - Großer Reiz nach hoher Hürde

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Hallo, ich heiße Christopher und bin hier heute der Gast-Monkey. Für meine erste Review habe ich mir ein ganz besonderes Spiel ausgesucht, da es für mich das erste Living Card Game (LCG) überhaupt ist: Android: Netrunner vom Heidelberger Spieleverlag (Fantasy Flight Games). Auf dieses Spiel habe ich (und natürlich auch viele andere) lange gewartet und es entstand ein regelrechter Hype. So kletterte es im Eiltempo bei Boardgamegeek unter die Top 5. Jetzt ist es bereits vor einiger Zeit auf Deutsch erschienen und die Frage stellt sich: Wird es dem ganzen Trubel auch gerecht?

Spielverlauf und Spielziel

Android: Netrunner ist ein Deckbuilding-Spiel für zwei Personen mit einer Spiellänge von ca. 30 – 45 Minuten pro Partie. Jeder Spieler wählt dabei ein für sich eigenständiges Kartendeck, mit dem er gegen seinen Gegner antritt. Angesiedelt ist das Duell in einer Sci-Fi-Internetwelt, in der jeder Spieler eine bestimmte Rolle einnimmt. Auf der einen Seite gibt es mächtige Konzerne, die versuchen auf Servern wichtige Projekte (Agendas) zu entwickeln, um damit Punkte zu erzielen. Ihm gegenüber stehen Cyber-Kriminelle, so genannte Runner, die versuchen auf die Server des Konzerns zuzugreifen, um diese Agendas zu stehlen und damit die Punkte selbst zu erzielen.
Die verschiedenen Rollen und Aufgaben ergeben dabei für jeden Spieler ein komplett anderes Spiel: Der Konzern versucht seine Server und Daten durch Schutzprogramme, so genanntes ICE zu schützen oder dem Runner Fallen zu stellen, durch die sein Gegner geschwächt wird. Der Runner hingegen muss versuchen, diesen Fallen zu entgehen und an den Schutzprogrammen effektiv vorbeizukommen, um seinem Gegner die Agendas zu stehlen.
Beide Spieler starten mit jeweils fünf Karten auf der Hand, was das Handkartenlimit darstellt. Außerdem bekommen sie fünf Credits, was die Ressource des Spiels darstellt und für das Spielen und Aktivieren von Karten eingesetzt wird. Beginnend mit dem Konzern führen die Spieler nun abwechselnd ihre Aktionen mit so genannten Klicks durch. Durch die unterschiedlichen Kartendecks und Rollen ergeben sich hier ebenfalls Unterschiede. So kann der Konzern nur drei Klicks durchführen, während der Runner vier Klicks pro Runde hat. Der Konzern darf allerdings in jeder Runde automatisch eine Karte nachziehen. 
Die Aktionen des Konzerns spielen sich eher auf den eigenen Servern ab. Er versucht dabei ICE zu installieren, um den Zugriff auf seine Karten zu erschweren und legt Fallen aus, die bei Zugriff durch den Gegner eine schädliche Wirkung auf den Runner haben. Der Runner hingegen installiert wichtige Programme und Hardware, die ihm beim Durchbrechen der ICE helfen und Schaden von ihm abwenden, falls er doch auf eine Falle trifft. 
Es gibt jeweils zwei verschiedene Siegbedingungen für jede Seite: Der Konzern gewinnt, wenn er sieben Agendapunkte erzielt oder den Gegner hirntot macht, d. h. ihm so viel Schaden hinzufügt,  dass er keine Handkarten mehr hält. Der Runner gewinnt, wenn er selbst sieben Agendapunkte erzielt oder der Konzern keine Karte mehr vom Nachziehdeck nachziehen kann.

Resume

„Du kommst hier net rein!“. „Ich will aber!“. So oder so ähnlich stelle ich mir ein Zwiegespräch zwischen Konzern und Runner vor. Aber so einfach, wie es hier wirkt, ist es nicht. Android: Netrunner ist ein sehr komplexes Spiel, das eine gewisse Zeit braucht, bis man letztendlich versteht, worauf es ankommt. Die Begrifflichkeiten aus der Internetwelt, sowie das relativ selten benutzte Thema erschweren den Einstieg, wobei sich das nach einem gründlichen Studium der Regeln, sowie ein paar Proberunden auch schnell wieder legt. Das Interessante am Spiel ist die Asynchronität, bei der sich beide Seiten komplett unterschiedlich spielen. Der Konzern versucht zu bluffen und sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Das Spiel des Runners lebt hingegen von der Neugier, die Gedankenzüge des gegnerischen Spielers zu durchschauen, um nicht in eine Falle zu tappen, da dies die Spielentscheidung sein kann. Dies vermittelt ein authentisches Gefühl, wodurch man sich gut mit der Rolle des Konzerns oder des Runners identifizieren kann, auch wenn einen das Thema nicht unbedingt anspricht.
Das Basisspiel liefert vier verschiedene Konzerne, sowie drei Runner-Fraktionen, die sich alle insgesamt unterscheiden und unterschiedliche Strategien nutzen, um den Sieg zu erreichen. Die Langzeitmotivation ist dadurch hoch, da man alle Strategien gerne mal durchtesten möchte. Fast alle Fraktionen sind bereits im Basisset ordentlich bis gut spielbar. Wie bei LCGs allerdings üblich kommt man allerdings nicht darum herum, weitere Erweiterungen zu kaufen, um das Spiel noch flexibler zu gestalten und die Strategien noch weiter auszureizen, um die Decks noch zu verbessern. Die Komponenten des Spiels sind sehr gut. Die Tokens aus Pappe sind stabil und auch die Karten sind schön gestaltet, sowie gut und verständlich übersetzt. Nur die Regeln hätten meiner Meinung noch etwas besser strukturiert sein können, um den vom Schwierigkeitslevel hohen Spieleinstieg zu vereinfachen. So stellte sich bei mir nach dem erstmaligen Lesen nicht das Gefühl ein, den Spielablauf direkt verstanden zu haben, wobei dies natürlich auch mit der Komplexität des Spiels zusammenhängt.
Insgesamt bin ich sehr froh, dass Android: Netrunner mein erstes LCG ist, da es vom Ablauf und der Strategie etwas sehr Neues für mich ist. Jedoch braucht man wie gesagt etwas Zeit, um den Ablauf zu verstehen und die Strategien zu durchschauen, was allerdings auch den Reiz mit sich bringt. Das Thema spricht mich nicht unbedingt an. Allerdings konnte ich mich sehr gut mit meiner Rolle identifizieren. Es ergab sich wirklich das Gefühl, dass ich unbedingt dem bösen mächtigen Konzern schaden möchte, in dem ich seine Agendas klaue. Im nächsten Spiel fand ich das Treiben der Runner kriminell, da diese auf meine Server einbrechen und etwas stehlen wollen und habe versucht das mit aller Macht zu verhindern. Die Tatsache, dass es ein LCG ist, erfordert natürlich Zeit für das Deckbuilding, um die Strategie zu perfektionieren. Es erfordert allerdings auch weiteres Geld für die Erweiterungen, die das Spiel noch vielfältiger machen. Wer sich damit nicht beschäftigen möchte, kann sich allerdings auch nur auf das Basisspiel konzentrieren. Das Spiel eignet sich dann allerdings eher als Spiel für Zwischendurch für Personen, die das Spiel bereits kennen. Insgesamt ist Android: Netrunner ein anspruchsvolles Spiel mit einem gut ausgeklügeltem Spielsystem, dass mit der Zeit und mehreren Partien reift. Zum Schluss noch die Antwort auf die Frage: „Wird das Spiel dem ganzen Trubel gerecht?“ Meine Meinung ist: Ja!


Hier geht es zum Unboxing!

Vielen Dank an den Heidelberger Spieleverlag, für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares

 
Nachsatz des Chef-Monkeys:

An dieser Stelle vielen lieben Dank an Christopher, mit dem ich dieses Spiel entdecken konnte, für den netten Gastbeitrag. Ich will es mir aber nicht nehmen lassen noch ein paar ergänzende Worte vom Chef-Monkey einzustreuen. Moi! 
Android Netrunner hat in der Tat eine beachtliche Einstiegshürde. Auch wenn man mit dem System der LCG´s vertraut ist, erschweren Begriffe wie "Forschung und Entwicklung" für den Nachziehstapel oder "Archiv" für den Ablagestapel den Einstieg doch deutlich, da zusätzlich zum Regelwerk noch eine Art Vokabeltest bei jedem Spielzug hinzukommt. So ist anfängliches Nachschlagen in der Anleitung eigentlich ein Muss. Schade an dieser Stelle, dass diese, auch bei mir, nicht vollends überzeugen konnte. Auch der Spielablauf als solcher ist anfänglich verwirrend. Denn durch die Asynchronität ist es einem auch nicht möglich sich an den Spielzügen der Gegenpartei im Anfangsstudium der Entdeckungsphase zu orientieren, was ja bekanntlich eine gute Taktik im ersten Spiel sein kann. 

Diese Einstiegshürden entwickeln sich aber, wenn sie denn einmal überwunden wurden, schnell zur eigentlichen Stärke von Netrunner. Thema, Spielweise und Feeling sind einfach einmalig und so dicht, dass man förmlich in das Spiel hereingezogen wird. Auch ich muss zugeben, dass ich anfänglich skeptisch war, suche ich doch normalerweise Spiele nach dem Thema aus. Hier war es anders. Ich musste einfach einmal das Spiel testen, was derzeit so einen Erfolg feiert, wurde aber schon bald Fan des Spiels wegen seiner enormen thematischen Dichte. Die große Stärke von Netrunner im Vergleich zu anderen bekannten LCG´s ist aber meiner Meinung, dass das Basisspiel schon enorm viel Wiederspielreiz und unterschiedliche Fraktionen bietet. Ein Kauf von Data-Packs (Erweiterungen) ist zwar möglich, aber nicht einmal notwendig, wenn man eigentlich ein Deckbuilding-Muffel ist, wie ich es einer bin.



sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek.com bzw. vom jeweiligen Verlag (hier Heidelberger Spieleverlag)



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