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Mittwoch, 4. Dezember 2013

City Council - Sim City 2013

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Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre. Ich habe nach der sechsten Stunde Schule aus, setze mich an den gedeckten Mittagstisch, schlinge das von meiner Mutter mühevoll zubereitete Essen möglichst schnell herunter um dann endlich den 486er-Rechner an zuschalten.
Nach gefühlten 20 Minuten Wartezeit startete das Spiel endlich, woran ich schon den halben Morgen in der Schule gedacht hatte - Sim City 2000. Straßen bauen, Häuser errichten, Wasserrohre legen. Irgendwie war es aber immer wieder gleich. Aber gut war´s.
Als ich dann das erste mal den neuen Titel von Golden Egg Games gesehen habe, wusste ich sofort: Das muss ich haben. Zu ähnlich wirkte das Gesamtpaket einfach mit dem Langeweileroter meiner Jugend. Die Erwartungen an die erste Partie waren dann auch entsprechend hoch. Als ob man mit zunehmender Spieleanzahl in der Sammlung nicht ohnehin schon kritisch genug wäre.
An einem Samstagabend war es dann aber schlussendlich soweit: Sim City... ähm.. City Council kam auf den Tisch. Bereits im Voraus wurde die Anleitung akribisch durchgearbeitet und die entsprechenden Foren bei offen gebliebenen Fragen konsultiert, damit ja kein Fehler das erste Erlebnis trübt.



Die erste Partie weckte in der Tat Nostalgiegefühle. Zu ähnlich von der Optik ist City Council einfach seinem digitalen Vorbild von Anfang der 90er Jahre. Spielerisch hingegen ist City Council vor allem eines - was Sim City nie war - interaktiv. Und noch dazu semi-kooperativ.
Semi-kooperativ ist heutzutage ohnehin fast schon ein Modewort bei den Brettspielen. Jeder Designer, der etwas auf sich hält, entwickelt doch heute ein semi-kooperatives Spiel.
Während man in City Council zwar gemeinsam im Parlament einer sich im Wachstum befindlichen Stadt sitzt und basisdemokratische Entscheidungen zur Weiterentwicklung eben jener trifft, ist jeder Parlamentariar nämlich nicht ausschließlich seinem Gewissen verpflichtet, sondern in erster Linie den Interessen der vielen Lobbys. Diese treten jede Runde neu an die einzelnen Spieler per geheimem Kartenzug heran und machen gewisse Entscheidungen mit unterschiedlich vielen Siegpunktversprechen schmackhaft. Warum also kein Restaurant bauen, um dieses nur eine Runde später erneut zu verkaufen, um die grünen Lobbyisten zufriedenzustellen?
Wie in der echten Politik ist jedoch auch die Verteilung der entscheidungsbefugten Ministerien von entscheidender Relevanz. Jede Runde wünscht die Bevölkerung Veränderung. So richtig aber nur alle zwei Runden, sodass mit der Zeit jeder Spieler in den Genuss der Vorteile eines jeden Ministeriums kommt.


Und überhaupt fühlt sich City Council so ein bisschen wie echte Politik an, fast wie eine Art Rollenspiel. Es wird diskutiert, gestritten, gedroht und bestochen. Dabei spielen nicht immer ausschließlich eigene Interessen die große Rolle. Denn bei zu viel Drang zur Selbstverwirklichung schlägt die Stadt als System zurück. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Kriminalität nimmt zu und qualifizierte Arbeiter verlassen die Stadt in Richtung der Nachbargemeinde mit deutlich weniger CO²-Emissionen. Ganz schnell kann so, die sonst so auf ihre eigenen Vorteile bedachte Gruppe an einem Strang ziehen. Als besonders geschickter  Politiker und Verhandlungstratege darf sich dann aber der Spieler bezeichnen, wenn er die aus der Not geborenen Entscheidungen zu seinen Gunsten manipulieren kann und schlussendlich, bisher als Märtyrer gefeiert, mit einem siegpunktreichen Zug  an allen vorbei ziehen kann.
City Council macht Spaß. Die Argumentation für die eigenen Pläne fällt verblüffend einfach. Zu Beginn der Partie dachte ich mir noch, dass es sicherlich schwer sein würde glaubhaft zu begründen, weshalb man für den Bau eines "Pawn-Shops" stimmen sollte, welcher außer einer Ware lediglich Kriminalität produziert. Aber dem war nicht so. City Council bietet ein Füllhorn an Argumenten in sich selbst. Jede Entscheidung ist irgendwie gut für die Stadt. Jedes Gebäude bringt Vorteile mit sich: Produziert Güter, erwirtschaftet Geld, senkt Kriminalität oder erzeugt Energie. Die für das Spiel notwendige stetige Diskussion ebbt somit bis zum Ende nicht ab, wird gleichzeitig jedoch nie langweilig. Das ist sicherlich auch der angenehm kurzen Spieldauer von ca. 70 Minuten bei voller Spieleranzahl geschuldet.


City Council ist sicherlich kein perfekt ausgearbeitetes Spiel. Man merkt dem Titel an, dass mit Golden Egg Games ein eher kleiner Verlag hinter dem Projekt steht und somit, die bei einem großen Verlag vielleicht teilweise professionellere Nachbearbeitung, fehlt. Das Nachziehen der Lobbykarten beispielsweise wirkt somit teilweise etwas zufällig und kann auch zum Teil erhebliche Vorteile verschaffen. Oder die bei genauerem Hinschauen verwirrend wirkende Rotation bei den Ministerposten. Vieles hätte man eleganter lösen können. Muss man aber nicht. Sim City wirkte manchmal auch nicht ganz rund und trotzdem war man der Simulation nach wenigen Minuten erlegen.
Der Spaß, die Verkörperung der Rolle, das Konzept steht bei City Council ganz im Vordergrund und funktioniert. Ich habe zwar nicht mehr um 13.00 Uhr Feierabend, muss mir mein Essen selbst zubereiten und den guten alten 486er gibt es auch nicht mehr, aber die Nostalgie und der Flair einer Stadtaufbausimulation lebt weiter - auch dank City Council.
 

City Council von Elad Goldsteen
Erschienen bei Golden Egg Games
Für 2-5 Spieler in ca. 60 Minuten
Boardgamegeek-Link






sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek.com bzw. vom jeweiligen Verlag (hier Golden Egg Games)

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