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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Steam Noir Revolution - Liebe auf den dritten Blick

2 comments


Bluffspiele sind ja eigentlich nicht so meins. Reine Kartenspiele eigentlich auch nicht. Irgendwie klang Steam Noir Revolution aber trotzdem interessant. Vielleicht weil es einfach so anders von der Mechanik klang, als das derzeit so bekannte auf dem Markt. Was letztlich den Ausschlag gab, werde ich wohl nie herausfinden. Plötzlich lag es dann aber in meinem virtuellen Warenkorb und wenige Tage später auf meinem Spieltisch.

Da es sich um ein Bluffspiel handelt, wurden die Karten noch mal eben schnell eingetütet. Maßarbeit! Gerade so eben ging die Packung noch zu. Da der Spieleabend kurz bevorstand, wollte ich mir noch schnell die Regeln durchlesen. Fehler. Nach der gut 10 minütigen Lektüre war ich genauso schlau wie vorher. Das lag aber weniger an der Anleitung. Die ist super. Nicht falsch verstehen. Sondern vielmehr am dort beschriebenen Ablauf. Egal! Da die Zeit knapp war, musste Steam Noir Revolution einfach so in die Spieletasche gesteckt werden. Da es eh nur als Absacker gedacht war, würde ich dann einfach spontan entscheiden die Regel vor Ort nochmal durchzublättern. Und vielleicht brauchen wir den Absacker ja auch gar nicht. Schließlich habe ich noch einige weitere eingepackt.


Bereits wenige Minuten nach meiner Ankunft am Austragungsort des Spieleabends das übliche neugierige in die Tasche schauen durch die Mitspieler. "Oh Felix Mertikat. Die Comics kenne ich. Da gibt es jetzt ein Spiel von? Cooooooooool.". Und schon kamen wir an Steam Noir Revolution als Absacker nicht herum. Das heißt also nochmal die Regel durchforsten. Das geschah dann auch zwischen Pizza, Nuggets und Pommes. Andere würden nach so einem Essen vermutlich einen Schnaps als Absacker zu sich nehmen - wir Steam Noir Revolution
Es kommt auch vermutlich nie gut an, wenn man ein Spiel mitbringt und die Erklärungsversuche mit den Worten beginnt: "Ich habe die Anleitung zwar gelesen, hab aber keine Ahnung wie es ablaufen soll. Wie wäre es, wenn wir einfach Stück für Stück drauf losspielen beim ersten Mal?", aber ich tat es.

Ersteindruck Partie 1 stur Stück für Stück häppchenweise nach Anleitung gespielt: So und jetzt bitte nochmal. Der Kaiser hatte uns bereits nach wenigen Runden uneinholbar abgestraft.
Eindruck nach Partie 2: Okay, so langsam macht es alles Sinn.
Eindruck nach Partie 3: Coooooooool.
Wie kam es dazu?

In Steam Noir Revolution sind wir Teil einer Revolution und sympathisieren im Geheimen mit einer der fünf vorhandenen Gesellschaftsgruppen. Ziel dabei ist es die Popularität der eigenen Gruppe am Spielende über die des Kaisers zu katapultieren oder alternativ bei Dominanz des Kaisers der Gruppe anzugehören, welche der Revolution am wenigsten Zündfeuer gegeben hat. Gar nicht gut kommt es, wenn die eigene Gruppe zu dominant wird. Dann wird man nämlich als neuer Diktator direkt mit abgesägt und die zweitstärkste Kraft gewinnt.
Popularität wird über lange Zeit aufgebaut und zwar über die Dominanz von Wochentagen, in deren sich regelmäßig die stärkste revolutionärste Kraft mit der aktuellen Macht des Kaisers misst. Erreicht wird das Zwischenziel durch verdecktes Legen von Sympatiekarten, welche grundsätzlich einer Gruppe zugeordnet sind. Dabei kann jede Karte nicht nur als Sympatiekarte, sondern auch als Verräterkarte dem Kaiser zugesteckt werden, was die jeweilige Dominanz der Gruppe, aus deren Reihe der Verräter kommt, untergräbt und gleichzeitig den Kaiser stärkt.
Die Spieler sammeln über Wochen und Monate Revolutionspunkte, welche am Ende die eigene im geheimen unterstützte Partei nach vorne bringen.
 

Verstanden? Sicher nicht. Steam Noir Revolution ist so ein Spiel, was nicht wirklich von Erzählungen erfasst werden kann oder von bloßen Regelerklärungen. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb der Titel nicht das Lob erfährt, was er eigentlich verdient hätte, denn eigentlich steckt ein ziemlich gutes Spiel dahinter. So viel mehr als die Regeln oder die Karten erahnen lassen.
Das ist aber keinesfalls ein Problem der Anleitung. Diese ist sogar vorbildlich mit einer Regelkurzfassung an den Seitenrändern versehen. Klare Empfehlung: Bitte einfach Stück für Stück losspielen bei der ersten Partie. Einleitungssätze wie: "Leute, nach meiner Erklärung werdet Ihr wahrscheinlich keine Ahnung haben, aber vertraut mir und spielt einfach mal los" sind, so lustig es auch klingen mag, hier wirklich angebracht und wahrscheinlich die beste Strategie das Spiel zu erfassen.
Wurde die Hürde genommen, dann sind die eigentlichen Regeln verblüffend simpel. Ich lege eine Karte und ziehe am Ende auf mein Limit auf. Auch die permanenten Zwischenwertungen sind schnell verinnerlicht.

Der eigentliche Reiz von Steam Noir Revolution steckt im Detail, im Taktieren, im so genannten Metagame, im Bluffen. Welche Strategie ist mir nun von Nutzen? Welche Partei sollte nun nach oben gepusht werden? Sehe ich, dass der Kaiser zu dominant wird, versuche ich möglichst weit unten in der Popularitätsleiste zu bleiben und durch temporäre Unterstützungskarten und möglichst viele Revolutionspunkte während der Wochen am Monatsende eine evtl. für mich gefährliche Partei nach oben zu katapultieren. Ist der Kaiser nicht zu stark und es besteht eine realistische Chance meiner Partei am Spielende die Oberhand zu gewinnen, dann sammle ich möglichst viele Revolutionspunkte, um am Ende den entscheidenden Sprung an die spitze zu machen. Mir ist dabei egal, ob ich zwischenzeitlich eine andere Partei fördere. Schnell die höchste Unterstützungskarte in einer Woche gespielt und wertvolle Punkte in der Zwischenwertung abgegrast.


Klar ist, dass Steam Noir Revolution Zeit braucht. Drei Partien sollten es schon sein, um die vielen taktischen Manöver zu erfassen, welche sich erst nach einigen Runden eröffnen. Gut, dass eine Partie nur gut 40 Minuten braucht. Wenn man schnell spielt auch weniger. Schade, dass es überhaupt Anlaufzeit braucht. Intuitiv spielt es sich somit nämlich nicht und schreckt die bekannten "Einmalspieler" somit ab, die bereits nach einer Partie ihr Urteil gefällt und Steam Noir Revolution als reines Glücksspiel abgestempelt haben. Die greifen dann vermutlich mit den Spielern, die zu viele ungespielte Spiele haben und beim Durchblättern der Anleitung schreiend davon gelaufen sind, weil die Abläufe nicht klar waren zu einem knallharten Optimierungsspiel.
Glück ist dabei weniger enthalten, als man denken könnte. Die Trendkarten, welche stets einer Partei pro Woche einen leichten Bonus geben, sowie die permanent offen ausliegende aktuelle Wertung spielen unbemerkt eine wichtige psychologische Rolle, die das Auslegen bestimmter Sympatiekarten forciert oder bewusst von diesen ab rät. 
Verblüffend wie das kleine Element wirkt. Aber es ist ja schließlich auch ein Bluffspiel.

Bitte Zeit nehmen und ausprobieren!





Steam Noir Revolution von Daniel Danzer
Erschienen bei spielpunk
Für 3 bis 5 Spieler in ca. 40 Minuten
Boardgamegeek-Link






sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek.com bzw. vom jeweiligen Verlag (hier spielpunk)

Kommentare:

  1. Hallo!

    Nach harscher Kritik seitens einiger Optimierspieler bezüglich der ohnehin offensichtlichen "Kaiserstrategie" (also dem Groupthink, der gewänne sowieso immer), empfehle ich mittlerweile eine leichte Abänderung der regel: Auch der Kaiser darf am Ende der Revolution nicht zu weit vorne liegen, wenn er die Revoluzzer niederschlagen will. Maximal 14 Punkte, genau wie die Fraktionen, sonst ist er weg vom Fenster.

    Man kann das auch lassen und laut Regel spielen, aber eigentlich stört der kleine Zusatz in keiner Weise den normalen Spielverlauf, sondern hindert nur allzu destruktive Spieldiskuteure.

    In diesem Sinne: Nieder mit Kaiser Julian!

    Daniel Danzer
    Spieleautor

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  2. Hallo Daniel,

    danke für die Ergänzung mit der Hausregel.

    Stimmt zwar, dass der Kaiser in den ersten Partien fast immer gewinnt, aber zumindest bei unserer Gruppe haben wir uns irgendwie nach den ersten harschen Niederlagen selbst diszipliniert und es hat super mit Originalregel geklappt.

    Aber sicherlich eine kurze und einfach anzuwendende Hausregel, die ich auch mal ausprobieren werde.

    Grüße
    Andreas

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