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Mittwoch, 22. Januar 2014

Russian Railroads - Wie eine gut geölte alte Lok

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Irgendetwas fasziniert an Eisenbahnen bereits seit Kindertagen. In den Kleinkindertagen tut´s die alte Holzeisenbahn, in den Jugendzeiten die Legobahn und im Erwachsenenalter wird dann die elektrische Eisenbahn inklusive komplett selbstgestalteter Umgebung im Hobbyzimmer aufgebaut. Die mit Dampf betriebene Lok wusste schon immer zu begeistern. Nicht verwunderlich, dass sich auch im Bereich der Brettspiele zahlreiche Eisenbahnspiele tunneln...erm tummeln. Vom Deckbau bis hin zur knallharten Wirtschaftsimulation. Russian Railroads aus dem Hause Hans im Glück also nur ein weiteres Spiel im Segment der Bahnspiele?

Ich muss zugeben, dass die oben genannte Einleitung auch auf mich zugetroffen hat. Von der Holzeisenbahn bis hin zur H0-Strecke mit Tunneln und Landschaften aus Pappmaché. Ich war dabei. Nur die Eisenbahnspiele unter den Brettspielen sind irgendwie an mir vorbeigegangen in den letzten Jahren. Nie Ticket to Ride, Railroads of the World oder Trains, wobei mich letzteres schon mehrfach unter den Fingernägeln gejuckt hat. Irgendwie hörten sich die meisten Spiele zu sehr nach Arbeit an, nach Simulationen - nicht meine Art von Spiel. Russian Railroads hörte sich nach Worker-Placement an. Das klang schon besser. Stand nur noch die Frage aus, ob es so viel Innovatives einbringen könnte, um dem eigentlich vor der Sättigung stehendem Markt an reinen Arbeitereinsetzspielen zu bedienen.
Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein, Russian Railroads bringt nichts Innovatives, macht das alte bekannte und vertraute aber so gut, dass der Spielfluss schnurrt wie eine gut geölte alte Lok.


Die Einarbeitung in die Regeln.... nein besser: Das Durchlesen (denn Arbeit ist das Regelstudium weiß Gott nicht) der Regeln gestaltet sich bereits als Leckerbissen. Viele Beispiele, große und daher angenehm zu lesende Schrift, und eine gut formulierte Regel bestechen bereits zu Anfang. Das Spiel selbst ist eingängig. Vielleicht auch deswegen, weil uns der Mechanismus bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist: Arbeiter auf ein Feld setzen und das erhalten, was abgebildet ist um danach mit den neu erworbenen Rohstoffen weitere Felder belegen zu können. Worker-Placement eben. Bereits nach wenigen Minuten ist das Ziel klar. Die Punkte und die damit verbundenen Aufgabenketten sind klar erkennbar - keine versteckten Tricks, welche man erst nach mehrmaligem Spielen erkennt. Das ist nicht zuletzt der guten Bebilderung des Spielbrettes geschuldet.


Die Spieler versuchen drei unterschiedliche Bahnstrecken bestmöglich auszubauen, sowie die dazugehörige Industrie zu erweitern. Je weiter eine Strecke ausgebaut wird, umso ertragreicher wird sie und schaltet nebenbei noch diverse Boni und Sonderfähigkeiten frei. Ingenieure erleichtern die Arbeit und sind (da begrenzt) oft Ziel eines kleinen Wettrennens um die Marke des Startspielers.
Nach jeder der Runden werden die Erfolge der einzelnen Spieler gewertet und zu Punkten umgemünzt. Davon gibt es reichlich, da diese im Laufe des Spiels exponentiell zunehmen. Nicht selten ist eine Punktzahl von über 300-400 Punkten Endergebnis und ein massiver Siegpunktsprung gegen Ende die Normalität für die Spieler, welche sich auf die lange und mühselige Strecke der Transsibirischen Eisenbahn gewagt haben.

Russian Railroads ist ein Spiel was sich langsam aufbaut. Fehler im Spielanfang werden dadurch kaum vergeben, fehlen denn dann wichtige Synergieeffekte im Endspiel, die doch so wichtig für den großen Schneeballeffekt in der letzten Runde sind. Das Gesamtspiel baut sich auf wie eine kleine Schneeflocke im russischen Winter, welche sich im Laufe der Zeit durch Schneeansammlungen zu einer tödlichen und aufhaltsamen Siegpunktlawine entwickelt und zum Teil für Spieler in den ersten Partien schwer einschätzbar ist. So ist es durchaus möglich, dass der, auf die Industrie fokussierte, Spieler seine Siegpunkte wegen stetiger Steigerung gut im Blick hat, während der Eisenbahner des Transsibierenexpresses zwar langsam in die Gänge kommt und zunächst abgeschlagen auf dem letzten Platz kampiert, dann aber wie ein ICE in der letzten Runde an allen vorbeirauscht.


Russian Railroads bringt wenig Innovatives im Bereich seines Mechanismuses, aber begradigt einige unnötige Spielereien, welche Vertreter dieser Zunft in der Vergangenheit eingebaut haben. Nicht zu Unrecht war Lords of Waterdeep ein großer Erfolg, wegen seiner eingängigen und einfachen Regeln. Im Bereich des Arbeitereinsetzmechanismus scheint derzeit zu gelten "back to the roots". Abwerfen von unnötigem Ballast. Vereinfachung der Aktionen. Sauberes Spieldesign. Das Ganze jedoch ohne die nötige Tiefe vermissen zu lassen. Russian Railroads ist keinesfalls ein sanftes Spiel. Keineswegs. Der Kampf um die Ingenieure, das Geld und die restlichen stark limitierten Aktionsfelder lassen keinerlei Platz für falsche Überlegungen. Es ist da ein wenig wie eine alte Dampflok: Zum Teil etwas ruppig und hart, aber stets zuverlässig und irgendwie dann doch geschmeidig und aufhaltsam.



Vielen Dank an den Hans im Glück Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!



Russian Railroads von Helmut Ohley und Leonhard Orgler
Erschienen beim Hans im Glück Verlag
Für 2 bis 4 Spieler in ca. 120 Minuten
Boardgamegeek-Link








sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek.com bzw. vom jeweiligen Verlag (hier Hans im Glück Verlag)

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