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Mittwoch, 19. November 2014

Panamax - Spätzünder mit Tetriselement

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Es gibt Spiele, die muss man sich erarbeiten und es gibt Spiele, die spielen sich irgendwie von der ersten Minute sehr intuitiv und flüssig. Dann gibt es Spiele, die wirken bereits bei der ersten Partie und es gibt Spiele, die brauchen ein paar Anläufe bis sie ihr volles Potential entfalten. Problem der "Arbeitstitel" und "Spätstarter" ist, dass bei der heutigen Auswahl ein Spiel für viele Spieler direkt zünden muss. Alternativ wird es gnadenlos aussortiert. Nur manche geben einer vermeintlichen Gurke eine zweite, dritte oder gar vierte Chance. So gehen viele - eigentlich gute - Spiele in der Mehrheitenflut verloren ohne groß beachtet zu werden. Panamax hat dieses Problem. Warum? Ich sage es Euch:


Die ersten Impressionen zu Panamax sahen in etwa so aus: Ausgepackt. Drauf gefreut. Ausgestanzt. Lange ausgestanzt. Material gesichtet. Wunderschönen Spielplan bestaunt. Anleitung zurecht gelegt. Und jetzt hört der Spaß auf. Anleitung gelesen. Mich gewundert. Anleitung nochmal gelesen. Verwirrt gewesen. Im Internet Erklärvideos angeschaut. Anleitung zu bestimmten unklaren Teilen nochmal gelesen. Regelfragen auf Boardgamegeek nachgeschlagen. Noch immer zu gewissen Regelfragen im Unklaren gewesen. Freunde eingeladen. Losgespielt.


In Panamax übernehmen wir die Rollen von Wirtschaftsbossen in der Frachtbranche. Ziel ist es am Ende des Spiels das meiste Geld zu haben. Wichtige Unterscheidung: Es wird getrennt nach Firmenvermögen und Privatvermögen gespielt. Imperial lässt grüßen. Erster Logikfehler vieler neuer Spieler: Es bringt nichts, dass meine Firma finanziell floriert, so lange ich nicht genug Anteile habe um auch privat davon zu profitieren.
Im Spiel selbst haben wir es dem Grunde nach mit einer Mischung aus Tetris und Wirtschaftssimulation zu tun. Es gilt lukrative Aufträge an Land zu ziehen, die entsprechenden Waren schnellstmöglich von A durch den Panamakanal nach B zu transportieren und das mit möglichst wenig logistischen und finanziellen Aufwand. Die Aktionsmöglichkeiten werden für jede Runde zufällig per Würfelwurf bestimmt, sodass man sich der jeweiligen Situation anpassen muss. Das sorgt für immer neue Szenarien und einen interessanten Wiederspielreiz.
Zu beachten ist, dass die eigene Fracht nicht ausschließlich auf den eigenen Dampfern verladen wird. Das wird insofern interessant und knifflig, als dass der Panamakanal ja bekanntlich ziemlich eng ist - da Kanal. Heißt also, dass an den meisten Stellen Überholverbot herrscht und Schiffe, wie in der Schlange an einer Kasse einfach von den Nachrückenden weitergeschoben werden. Mit etwas Geschick stelle ich mich deswegen an erste Stelle und profitiere ganz einfach vom Geschiebe der Verfolgenden ohne selbst großen Aufwand leisten zu müssen. Das maximale aus dem Panamakanal rausholen. Panamax eben. Klingelts? Das führt in Panamax zu einem permanenten interessanten Dilemma. Will ich das Schiff nun doch schon losschicken, um möglichst von selbst durch den Kanal geschoben zu werden oder leiste ich mir doch noch schnell den lukrativen Auftrag, der gerade angeboten wird.
Das Hauptgerüst aus Tetris und Logistik wird in Panamax durch diverse andere kleine Stellschrauben ergänzt. Ich investiere an der Börse in Firmen der teilnehmenden Spieler und hoffe auf hohe Dividenden. Ich verlade Waren auf Züge, um möglichst früh in der kommenden Spielerreihenfolge zu sitzen. Ich erfülle zahlreiche Aufträge einer selben Nation, um wichtige Sonderaktionen freizuschalten. Ich verschiffe neben den Waren noch Passagiere auf Luxusdampfern, um ordentlich abzukassieren oder ich befördere Kriegsschiffe durch den Kanal, um mich von der jeweiligen Nation kräftig auszahlen zu lassen.


Panamax ist ein Spätzünder. Hauptgrund ist die Anleitung. Diese ist nicht nur verwirrend formuliert, lässt Fragen offen, sondern widerspricht sich zudem in manchen Punkten. Das ist schade. Gerade für ein komplexes Spiel, wie es Panamax dem Grunde nach ist, ist eine gute Anleitung eigentlich ein Muss. Die ohnehin sehr hohe Einstiegshürde für manche Spieler sich ein solches Spiel zu erarbeiten, darf nicht noch durch solche Fehler weiter heraufgesetzt werden.
Kämpft man sich jedoch durch den Regeldschungel und gibt Panamax eine zweite, dritte oder vierte Chance, so zeigt sich ein schönes Spiel. Optisch als auch spielerisch. Die Kanal-Schiebe-Mechanik macht Spaß und stellt die Spieler vor immer neue Entscheidungen und baut Druck auf, ohne dass dieser belastend wäre. Jede Entscheidung will jedoch gut überlegt sein. Ein kleiner Fehler kann in Panamax bereits früh den Ablauf stören und den großen Plan zunichte machen. Grundsätzlich bin ich davon kein Fan. Insbesondere wenn ein Spiel dann doch gut 100 Minuten dauert. Das verschreckt viele Neulinge und fordert eine immer gleiche Spielerkonstellation an ähnlich erfahrenen Managern.
All dies macht Panamax zu keinem Familienspiel, zu keinem einsteigerfreundlichen Vielspielerspiel und auch zu keiner Perle. Panamax ist ein Spiel, was viele Ansprüche an die Spieler stellt, diese aber dann auch entsprechend belohnt. Ich bezweifle nur leider, dass viele Spieler Panamax diese Chance geben wollen und hier Potential verschenkt wurde.



Panamax von Gil d´Orey, Nuno Bizarro Sentieiro und Paulo Soledade
Erschienen beim Heidelberger Spieleverlag
Für 2 bis 4 Spieler in ca. 100 Minuten
Boardgamegeek-Link


Vielen Dank an den Heidelberger Spieleverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!
sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek oder dem jeweiligen Verlag (hier Heidelberger Spieleverlag)

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