_

_

Mittwoch, 8. Juli 2015

XCom - Brettspiele 2.0

Hinterlasse einen Kommentar

Beim Thema der Integration von Technik (insbesondere von Apps) bei Brettspielen scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Ich persönlich zähle mich eher zu den "Puristen". Ein Brettspiel muss auch ohne App auskommen. Denn für mich ist es gerade der große Reiz der Brettspiele, dass eben alles über Karten und sonstiges nicht digitales Handwerkszeug gelöst wird.
Ich bin aber auch kein Ignorant. Gerne schaue ich mir neue Möglichkeiten an, teste sie aus, und bin dann auch gerne dazu bereit zuzugeben, dass ich mich vielleicht geirrt habe. Fakt ist jedoch, dass es bisher keine wirklich gescheite App zu einem Brettspiel gab, die so in das Spiel integriert wurde, dass es A) sinnvoll und B) gut umgesetzt wurde. Ich war gespannt, ob XCom das nun besser machte. Ich muss zugeben: Skeptisch war ich schon!


"Commander, wir haben neue UFO´s in Asien gesichtet, over", "Weitere Abwehrjets nach Australien und noch ein paar Sateliten in den Orbit, over!", "Enemy in the base! Enemy in the base! Haben wir genug Budget für einen Soldaten? Over"
So in etwa hört sich eine typische Runde XCom an. Das Ganze müsst Ihr Euch jetzt noch ziemlich hektisch vorstellen. Der Squad-Leader versucht fieberhaft Symbole zu vergleichen und auszutüfteln, welche Soldaten er wofür einsetzt, der Wissenschaftler tüftelt über neuen Technologien, die die Köpfe wieder aus der übergroßen Schlinge ziehen sollen, der Central Commander gibt kurze und klare Ansagen und der Finanzminister schickt Abwehrjets und sorgt nüchtern dafür, dass nicht zu viel Geld für die Erdenverteidigung ausgegeben wird. Einen IWF Rettungsfond gibt es hier nämlich nicht (wobei sogar so etwas ähnliches doch!). XCom ist Stress. Die meiste Zeit zumindest...


Als Team versuchen wir in ca. 90 Spielminuten ein, von der mitgelieferten App ausgesuchtes, Szenario zu besiegen. Unser Ziel ist nichts geringeres als die Welt vor der Alieninvasion zu schützen. Jedem Spieler ist dabei eine feste Rolle zugeteilt.
Die App bombardiert uns im Anschluss daran mit zeitgesteuerten Ereignissen. Ein UFO hier, ein Feind in der Basis da. An uns liegt es zu reagieren - und zwar schnell. Dabei ist es nicht immer möglich alles genau zu planen. Oft muss ich mich auf mein berühmtes Bauchgefühl verlassen und einfach abschätzen, was ich tun sollte.
Am Ende einer jeden Runde können wir kurz durchatmen und führen fest vorgegebene Schritte durch, welche wir zuvor unter Zeitdruck in der Planungsphase festgelegt haben. Hier entscheidet sich dann erstens, ob wir gut geplant haben und zweitens, ob uns das Würfelglück hold ist. Denn gewürfelt wird dann so einiges.
Kommt nach einer gewissen Zeit dann sogar die finale Mission auf den Spielplan, liegt es an uns diese zu bestehen - und das Spiel zu besiegen. Sollten vorher jedoch zu viele Kontinente ins Chaos stürzen, verlieren wir alle. Doof nur, dass die App gezielte Angriffsschläge setzt. Verdammte künstliche Intelligenz und so!


XCom integriert also eine App ins Brettspiel. Naheliegend war es ja schon, wenn die thematische Vorlage aus der digitalen Welt kommt. Mit Eric M. Lang hat sich der Verlag zudem einen erfahrenen Designer an Board geholt. Gute Voraussetzungen? Der Gang war sicherlich mutig. Vielleicht sogar einer der mutigsten der letzten Jahre. Ganz schnell hätte der Schuss auch nach hinten los gehen können und die App-Gegner hätten sich in ihren Vorurteilen bestätigt gefühlt. Müssen sie aber nicht. Ich auch nicht! Im Gegenteil: Ich werfe hiermit feierlich gerne meine Bedenken über Bord - die meisten zumindest.
XCom hat die Schwelle der Verschmelzung von App und Brett perfekt gemeistert. Dass die App sich dermaßen gut mit dem Spiel kombiniert, hätten aber wohl auch die meisten Befürworter nicht gehofft. Hier wurde sich wirklich der künstlichen Intelligenz bedient. Bravo!
Das fängt schon bei simplen Dingen an. So greifen die Aliens z. B. nicht wahrlos Kontinente an, sondern versuchen ganz direkt einzelne rauszufiltern und über die "Todesschwelle" zu heben. Mit bloßen Karten wäre das nicht steuerbar gewesen. Wenn dann noch die Außerirdischen unseren Funkkontakt stören können bei ausreichenden UFO´s im Orbit und sich plötzlich dadurch unsere Befehlsreihenfolge ändert, dann ist das kein großes, sondern riesiges Kino! Mehr kann ich mir von einer Verschmelzung von App und Brett nicht wünschen.


Spielerisch überzeugt XCom - losgelöst vom technischen Teil - jedoch ebenfalls. Einziger Kritikpunkt ist der ziemlich große Glücksfaktor, der es einem selbst bei perfektem Spiel unmöglich machen kann zu gewinnen. Schließlich wird alles in der Ausführungsphase ausgewürfelt. Werde ich da vom Pech verfolgt, hilft auch die schnellste Reaktionszeit vorher nix.
Aber ansonsten? Top. Für mich der nennenswerteste Punkt ist der kooperative Aspekt. Fast jedes kooperative Spiel leidet ja am so genannten "Alphaspieler", welcher durch seine riesige Spielerfahrung und seine unumstößlichen Pläne gepaart mit unmenschlicher Überzeugungskraft gerne mal das gesamte Spiel an sich zieht. "Nein, Peter. Ich würde sagen du gehst nicht nach Nahrung suchen, sondern erkundest lieber. Warum? Frag doch nicht so blöd!".
In XCom wird dieses Alphamännchen keinen Spaß haben, da ihm die Möglichkeiten fehlen. Durch das zeitgesteuerte Spiel bleibt nur wenig Zeit für Mitspieler mitzuplanen. Man muss einfach zu fokussiert auf das eigene Aufgabenfeld sein. Da ergibt sich keine Möglichkeit die Mitstreiter von den eigenen Plänen zu überzeugen - leider (zwinker).

Ebenfalls nicht auf ihre Kosten werden Taktiker und Planer kommen. Hierfür ist XCom zu hektisch und erfordert zu oft Bauchentscheidungen. Wer immer alles im Griff haben will und nicht akzeptieren kann, dass die Kontrolle teilweise aus der Hand zu geben, der wird sich gestresst fühlen. XCom ist Stress. Positiver Stress. Das Spiel belohnt Einsatz. Umso riesiger dann die Freude, wenn sich das Blatt am Ende dann doch noch zum Guten wendet und die Aliens vernichtet werden.
XCom ist für mich eine äußerst positive Überraschung. Ich habe Lust alle Rollen zu spielen, ich will alles das nächste Mal besser machen.
Dennoch: Weitere Hybridspiele werden es schwer haben. Gerade jetzt, wo XCom eindrucksvoll bewiesen hat, dass es doch irgendwie gut werden kann! Hut ab.



XCom von Eric M. Lang
Erschienen beim Heidelberger Spieleverlag
Für 1-4 Spieler in ca. 90 Minuten
Boardgamegeek-Link

Vielen Dank an den Heidelberger Spieleverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek oder dem jeweiligen Verlag (hier Heidelberger Spieleverlag)

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen