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Mittwoch, 18. November 2015

Colt Express - Wild West Slapstick

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Manchmal ist es einfach mal gut zurückzuschauen. In diesem Fall auf Colt Express. Denn auch wenn sich natürlich eine Unmenge an Berichten, Spieleindrücken und Rezensionen im Netz tummelt, sind diese meistens brandheiß nach Erscheinen des Spiels getippt. Meinungen ändern sich zu Spielen. Bei vielen Titeln kommt dann sogar die Frage auf, ob ein Spiel dem Langzeitspielspaß standhalten kann, d. h. ob es auch noch Monate oder gar Jahre danach bei Spieleabenden aufgetischt wird. Klar, bei Colt Express wird der Spiel des Jahres Gewinner 2015 durch die neuste Erweiterung und die geniale DeLorean-Promo gerade mächtig aufgefrischt, dennoch will ich den Blick wagen. Was hat der "alte Hase" eigentlich so drauf?
Colt Express ist ein Spiel mit vielen versteckten Informationen. Wir versuchen als Banditen im Wilden Westen einen Zug zu überfallen und dabei kräftig abzuräumen. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung will uns dabei jedoch nicht nur der Sheriff machen, sondern in erster Linie auch die konkurrierenden Pistoleros.
Das Spiel selbst sticht zunächst einmal mit einer sehr interessanten Aufmachung aus der Masse heraus, denn das Spielbrett ist ein schicker 3D-Zug, auf welchem wir uns im Inneren, aber auch auf dem Dach die blauen Bohnen um die Ohren jagen können.


Spielerisch programmieren wir unseren Spielzug der Reihe nach, um dann in einer zweiten Phase zu hoffen, dass sich möglichst viele unserer Aktionen auch in die Tat umsetzen lassen. Die besondere Würze kommt durch Tunnelabschnitte ins Spiel, bei welchen wir Programmierungen verdeckt auslegen, anstatt offen - wie sonst immer. Bei der Auswertung heißt es dann reihum: Laufen, schießen, schlagen, schnappen. Es wird wie wild durch den Zug, über das Dach und über die am Boden liegenden Revolverhelden gerannt um dann die ausliegenden Geldköfferchen oder die wertvollen Diamanten abzustauben.
Um meinen Plan bestmöglich umzusetzen, setze ich zwangsläufig Gewalt ein - ergo ich schieße meine Mitfahrer über den Haufen. Das hat zweierlei Gründe: Erstens sammle ich Punkte für den Titel des schießwütigsten Pistoleros des Spiels und zweitens mülle ich die Hände meiner Mitspieler zu. 


Hände? Richtig. Colt Express ist nämlich auch ein kleines Deckbauspiel. Während sich meine Programmierungkarten nämlich zu Spielbeginn alle in meinem kleinen persönlichen Deck befinden und somit zwangsläufig den eigenen Zug zu einem gewissen Maße diktieren, werden die eingefangenen Patronen der Mitstreiter fleißig in den eigenen Nachziehstapel eingemischt. Möglichkeit etwas mit diesen Karten anzufangen, wenn man sie einmal nachzieht? Nada! Ich fühle mich mit zunehmenden Schusswunden zwangsläufig wie ein angeschossener Hund, dem so langsam seine Kräfte schwinden und der öfter mal aussetzen muss, um nachzuziehen. Verschiedene Eventkarten zu Beginn einer Runde tun ihr übriges.
So wird schlussendlich so lange geschossen, gerannt und gegrabscht bis der Zug angekommen ist und wir unsere Beute vergleichen. Wer am gierigsten war - gewinnt.
Colt Express ist der Gewinner des Spiel des Jahres Preises 2015. Eine gewisse Qualität lässt sich also allein dadurch ableiten. Wie fühlt sich das Spiel jedoch für mich an?
Colt Express hatte für mich das schwere Erbe vom Vorjahressieger Camel Up! zu tragen. Kein Spiel des Jahres hatte mich in den letzten Jahren so überzeugt, wie das kleine Kamelrennen. Colt Express versucht ja gewissermaßen in eine ähnliche Kerbe zu schlagen - nämlich als Absackerspiel mit leichtem Einstieg für die ganze Familie, was von einer guten Portion Glück getragen wird. Das hat es auch in meinen Runden erfolgreich getan. Als Absacker gab es lange Zeit im Sommer nur Colt Express, Colt Express und Colt Express. Irgendwann war dann aber auch Schluss. "Durchgespielt!" sagt man so schön. Gut, dass da genau zur rechten Zeit die erste Erweiterung und die supertolle Promo daherkommen. Jetzt kann wieder geschossen werden.

Colt Express macht Spaß, wobei ein großer Batzen dieses Spaßes aus purer Schadenfreude resultiert. Schadenfreude darüber, dass der Plan des Mitbanditen nicht aufgegangen ist und plötzlich eine Runde Schattenboxen auf dem Zugdach stattfindet, anstatt eine echte Prügelei. Das erinnert schon teilweise an Slapstick Comedy. Mit wirklicher Planung ist nämlich kaum etwas zu holen, was man vorm Kauf des Spiels unbedingt einkalkulieren sollte. Colt Express ist vielmehr ein lockeres Spielchen für unterhaltsame Absackerrunden. Für mich kein Hauptgang in einem Spieleabend und auch kein Spiel, was man mehrfach hintereinander wegspielt. Dafür fehlt die tiefe Substanz. Das will es aber auch nicht.
Colt Express ist kein Taktikgroßgewicht, kein neues Lieblingsspiel, kein Überflieger. Colt Express ist simpel, spaßig, unterhaltsam und gemein und sollte durchaus in einer gut sortierten Spielesammlung vorhanden sein.






Colt Express von Christophe Raimbault
Erschienen bei Asmodee
Für 2-6 Spieler in ca. 30 Minuten
Boardgamegeek-Link

Vielen Dank an Asmodee für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek oder dem jeweiligen Verlag (hier Asmodee)

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