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Donnerstag, 16. Februar 2017

Die Legenden von Andor: Die letzte Hoffnung - Würdiger Abschluss?

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Lasst euch von mir auf eine Reise mitnehmen, eine Reise in das letzte Königreich der freien Menschen, einem Ort wo der mutigste Schwertkämpfer seine Schützlinge für einen waghalsigen Klippensprung den Monsterscharen überlässt, um sich selbst etwas zu beweisen, einem Ort wo der Zauberer seinen Stab auch mal liegen lassen kann, um mal ebenso eine Brücke zu bauen, denn so viel Zeit muss sein! Einem Ort wo der Begriff „Königreich der freien Menschen“ kein Paradoxon ist, kommt mit mir in das ferne Andor.

Hier beginnt die Reise des jungen Lenolars. Wie sein Vater Lemolars vor ihm, und sein Großvater Lelolars, der unter der Namenstradition seiner Familie schwer zu leiden hatte, ist auch der kleine Lenolars ein Bogenschütze. 
Lenolars hat lange und hart geübt. Sein Pfeil trifft jeden Apfel aus 500 Metern Entfernung und sein Dolch ist scharf und tödlich. Er ist bereit für den richtigen Kampf! Denn tief im Süden bannt sich ein Schatten an, ein Schatten der bereit ist jede Frau und jedes Kind (die Männer bleiben an dieser Stelle der Dramatik wegen unerwähnt) in Andor zu verschlingen.


Heute soll es soweit sein, Lenolars steht alleine auf offenem Feld, sein Adlarauge erblickt die Horde von Ork… ich meine Skralen am Horizont. Sein Dolch wittert ihr schwarzes, böses Blut, seine Pfeile sind in gift getränkt, um das Übel sicher zu beseitigen und für immer aus dieser Welt zu verbannen.
Lenolars spannt den ersten Pfeil, zielt und… „HALT STOP!“, schreit eine Stimme aus dem Unterholz, „DAS BLEIBT ALLES SO, WIE ES IST!“.
Erschrocken über den Ausruf, senkt Lenolars seinen Bogen. Die weiße Hautfarbe und schachfigurenähnliche Form der Gestalt, die gerade aus dem Busch raus kriecht lassen keine andere Vermutung zu: „Du musst der Erzähler sein.“, sagt Lenolars.

„Ja das stimmt.“, sagt der Erzähler „Was hattest Du da gerade vor?“.
„Ich wollte einen Ork… ich meine Skral töten.“, antwortet Lenolars.
„Das habe ich mir schon gedacht. Weißt Du was passiert wäre, wenn Du dies getan hättest, junger Freund?“, fragt die weiße Gestalt.
„Ich hätte mehr Stärkepunkte bekommen und könnte den Troll dort drüben erledigen“, sagt Lenolars und zeigt auf eine monströse Gestalt, die sich gefährlich nahe dem Dorf nährt.
„NEIN! DAS HÄTTEST DU NICHT!“, schreit der Erzähler aus voller Stimme „DU HÄTTEST DAS EINFÜHRUNGSSPIEL SCHON WIEDER VON VORN BEGINNEN MÜSSEN!“


Hier endet die Geschichte.

Zunächst möchte ich sagen, dass das 3. Andor Spiel, meine erste Begegnung mit Andor ist. Für diese erste Erfahrung habe ich folgende Metapher: Ich bin 8 Jahre alt und verklopfe auf einer mexikanischen Geburtstagsparty eine Piniata, vollgestopft mit Süßigkeiten! Ich lache, nasche und amüsiere mich prächtigst. Was ich dabei nicht weiß: Das Holzbrett, das ich zum schlagen benutze, brauche ich später um mich über Wasser halten zu können, denn von jetzt auf gleich kommt die Sinnflut! Alle sterben und ich bin allein im unendlichen Ozean. Die Bonbons, die ich mir eben noch alle auf einmal reingezogen habe, wären mein einziges Proviant für die nächsten Wochen gewesen. Doch ich habe keine Zeit meine Fehler zu bereuen, denn kurz darauf erscheinen Außerirdische, die die Erde in die Luft sprengen.

Na wie klingt das? Genau: Grausam! 


Andor hat uns in der ersten Partie ins offene Messer laufen lassen. Wir dachten, wir würden ein Spiel á la Eldritch Horror oder Winter der Toten spielen, denn Andor macht zunächst den Eindruck, ein Ameritrash Spiel zu sein. Und obwohl es viele der ameritrash typischen Charakteristiken, wie beispielsweise die Bewegungsfreiheit oder individuelle Ausrüstung und Gegenstände besitzt, ist es im Kern ein Storybasierendes Puzzelspiel. Ich erkläre mal grob die Spielmechanik:

Jeder Spieler schnappt sich eine Heldenkarte und die dazu passende Pappfigur. Erstmal ein Lob dafür, dass die Spielbrettchen doppelseitig, mit Männlein bzw. Weiblein bedruckt sind! Generell ist das Artdesign sehr schön und atmosphärisch.
Fantasy-typisch gibt es Magier, Schwertkämpfer, Bogenschütze und Zwerg…*gähn* Jede Spielfigur hat individuelle Fähigkeiten:
Der Zauberer beispielsweise, hat drei Zauber #wowwerhättedasgedacht. Mit einem davon kann er sich zurück ins Lager teleportieren. 
Der Schwertkämpfer bzw. Schwertkämpferin hat ein Pferd und kann in seiner Runde, einen anderen Mitspieler mitbewegen.
Was die anderen können, könnt ihr selber herausfinden ☺


Das Spiel ist in Szenarien aufgeteilt und setzt da an, wo Andor Teil 2 #wowwerhättedasgedacht aufgehört hat. Die Karten, die nach und nach aufgedeckt werden, sagen einem, wo was hinkommt und bauen so, nach und nach, das Szenario auf.
Die Spieler müssen in jedem Szenario bestimmte Aufgaben erfüllen, die aber ebenfalls nach und nach den Spielern mitgeteilt werden. Dafür gibt es den Erzähler, eine Spielfigur die bei bestimmten Aktionen und nach Ende jeder Spielrunde um ein Feld, dem Geschichtsende entgegen, bewegt wird. 
Erreicht der Erzähler die letzte Position auf seinem Pfad, endet das Spiel und es wird überprüft, ob die Helden ALLE! ihre Ziele erreicht haben.
Hier gibt es kein „ein bisschen gewonnen…“ NEIN! Entweder Ihr habt es drauf oder nicht! Dabei lauten die Ziele meist: Beschütze A, Sammle B, G nach H und komm nie wieder, usw. 

Um diese Ziele der Helden zu verwirklichen, hat jeder Spieler bis zu 7 Aktionen. Die Anzahl an Aktionen kann, wenn die nötigen Ressourcen vorhanden sind, erhöht werden.
Laufen und kämpfen sind die wohl wichtigsten Aktionen des Spiels und eigentlich die einzigen die mir gerade einfallen…
Laufen müsst ihr viel! Hin und her, kreuz und quer. Einfach mal eben irgendwo hinlaufen um dort ein Plättchen aufzucken ist nicht! Jeder Zug muss genaustens geplant werden.
Das Gleiche gilt für das Kämpfen. Einfach mal eben einen Or… Skral töten, kann euch dem Spielende schneller näher bringen als es euch lieb ist, denn jeder getötete Gegner bewegt den Erzähler weiter.


Und dabei ist gerade das Kampfsystem eine Perle unter allen mir bekannten Kampfsystemen. Ja hier sind zwar Würfel im Spiel, die aber dank individueller Fähigkeiten und Objekte manipuliert werden können, aber dennoch ist es unglaublich befriedigend, endlich ein Monster zu erlegen, das eben noch zu stark war. Denn jeder Sieg macht euch stärker und das spürbar! Es ist als ob ihr auflevelt! Yeah!

Und da gibt es auch schon den ersten Kritikpunkt: Ihr müsst Monster killen und aufleveln um die Szenarien zu bewältigen, aber das kostet Zeit und Energie und führt dank dem Würfelglück, häufig, direkt ins Verderben. Irgendwie hätte man das durch mehr Fähigkeiten und zugänglicher Objekte, also einfach eine Prise mehr Ameritrash, besser lösen können…

Abschließend möchte ich das Spiel mit dem Manga „All you need is Kill“ bzw. dem Film „Edge of Tomorrow“ vergleichen (SPOILER ALERT!):
In einer Welt, in der sich die Menschheit in einem Krieg mit blutrünstigen Außerirdischen befindet, durchlebt ein Soldat immer und immer wieder denselben Tag. Nach und nach entwickelt er den perfekten Plan um in der zeit die ihm gegeben ist, die Bedrohung durch die Außerirdischen aufzuhalten. Er perfektioniert all seine Schritte und Fähigkeiten, bis er es eines Tages schafft.
Andor ist Edge of Tomorrow in Brettspielform!


Andor ist kein Spiel für jedermann. Es erfordert viel Zeit und graue Zellen, um gemeistert zu werden. Die Frage die man sich da stellen muss: “ Womit werde ich als Spieler am Ende belohnt?“. 

Wenn der Reiz, ein Spiel zu spielen im Ehrgeiz liegt, verliert ein Spiel an Wiederspielwert. Ich möchte Andor zwar bezwingen, wenn ich es dann aber mal geschafft habe, habe ich keinen Grund nach Andor zurückzukehren. Ein Szenario zum 4. Oder 5. Mal zu spielen ist nicht spaßig, sondern nur mühselig. Andor erzählt auch keine epische Geschichte oder hat bahnbrechend innovative Spielmechaniken. Aber möchte Andor das überhaupt?

Vielleicht lebt Andor von den Perfektionisten unter Euch. Von den Abenteurern, die auch nach dem 20. Mal Scheitern, eine neue Runde beginnen um es gleich besser zu machen. Von den Menschen, die auch nach dem 40. Roman über Elfen und Zwerge immer noch eine Fortsetzung möchten.

Für all diejenigen mag Andor den Blick Wert sein…

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Die Legenden von Andor von Michael Menzel
Erschienen bei Kosmos
Für 2-4 Spieler in ca. 90 Minuten
Boardgamegeek-Link



sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek oder dem jeweiligen Verlag (hier Kosmos)

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