Freitag, 22. Dezember 2017

Photosynthesis

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Photosynthesis gehört definitiv zu den Hype-Spielen der Spiel 2017. So gut wie jeder kannte es, fast alle wollten es und deswegen habe ich es mir natürlich auch geholt. Unbekannter Autor, erfrischendes Thema, tolle Komponenten. Was kann man da schon falsch machen?

In Photosynthesis übernehmen wir die Rollen von…. ähm… Förstern? Baumanführern? Naja egal. So richtig klar ist der Background nicht, aber wir versuchen auf jeden Fall Bäume zu pflanzen, diese wachsen zu lassen und dann im richtigen Moment ins Baumnirvana verschwinden zu lassen, um Siegpunkte zu bekommen. Richtig. Es geht mal wieder um Siegpunkte. Surprise!!
Photosynthesis it dabei ein vollkommen abstraktes Spiel ohne Glücksmomente. Darüber täuscht auch nur im ersten Moment das äußerst liebevoll gestaltete Innenleben der Box hinweg. 3D-Bäume, schicke Grafiken, eine umherwandernde Sonne. Photosynthesis tut wirklich alles um die Spieler an den Tisch zu locken. Doch kann es die da auch langfristig halten? Spannungsmoment. Später mehr!


Grundsätzlich versuchen wir in Photosynthesis mit Hilfe von Sonnenpunkten (herkömmliche Aktionspunkte) Bäume zu pflanzen. Langfristiges Ziel ist es aus einem Samen einen kleinen Baum wachsen zu lassen, daraus einen mittleren und später einen großen. Letzterer sollte möglichst zentral auf dem gemeinsamen Spielfeld stehen, denn da gibts die meisten Siegpunkte, wenn ich ihn vergehen lasse.
Dreh- und Angelpunkt der Spielidee von Photosynthesis ist das Licht- und Schattenspiel. Am Ende einer jeden Spielrunde bekomme ich nämlich nur entsprechend weitere Sonnenpunkte, wenn mein Baum von der Sonne angestrahlt wird. Diese wandert nicht nur sprichwörtlich, sondern in Photosynthesis sogar tatsächlich, kundenweise weiter um das Spielfeld herum und wirft Sonnenstrahlen in die entsprechend passende physikalische Richtung. Aber Obacht! Licht bekomme ich mit meinem Baum natürlich nur ab, wenn er nicht im Schatten eines anderen Baumes steht. Aha! Und jetzt kommen wir zum interessantesten Teil von Photosynthesis.


Wie auch in echt gilt in Photosynthesis: Je größer der Baum, umso länger sein Schatten. Stehe ich mit meinem Mini-Bonsai quasi direkt hinter einen riesigen Nordmanntanne, gibts für mich keine Sonnenpunkte zu holen. Die wirft nämlich sogar noch den eigenen Schatten viel weiter, als bloß um ein Feld. Dass das nächste Runde bei anderem Sonnenstand ganz anders aussehen kann und ich vielleicht sogar nicht nur Sonne abbekomme, sondern auch einen anderen gleichsahen Baum verdecke, steht auf einem anderen Blatt.
Photosynthesis ist ein stetes Ringen um den sprichwörtlichen Platz an der Sonne. Meine Bäume wollen geschickt platziert werden, um nicht nur möglichst viele Sonnenpunkte abzubekommen, sondern den anderen Spielern auch möglichst viele Sonnenpunkte zu verhindern. Ganz schön gemein so ein Baumstellungskrieg. Da auch in dieser Runde entgangene Sonnenpunkte mir nächste Runde fehlen, um mein Baumimperium weiterzuentwickeln, ist selbstredend.


Das Leben am Waldrand könnte in Photosynthesis also so einfach sein. Pustekuchen. Ihr erinnert Euch, dass ich anfangs erwähnt hatte, dass es die Siegpunkte nur in der Mitte gibt? Achso! Ich habe also keine Wahl. Ich muss mich nach innen bewegen. Und wer nur ein klein wenig Vorstellungsvermögen hat, wird merken, dass es in der Mitte nur noch schlimmer wird. Mehr Bäume auf engerem Raum bedeuten mehr Schatten und mehr Stellungskrieg. Was nun?
Photosynthesis ist hart. Sehr hart. Photosynthesis täuscht mit seiner liebevollen Aufmachung schlicht und einfach darüber hinweg, dass dahinter ein knallhartes abstraktes Spiel steckt. Sieht man zunächst die 3D-Elemente, die fröhliche Grafik und das friedliche Thema ahnt man ja nicht im entferntesten, was man bei Photosynthesis zu erwarten hat. Photosynthesis hat teilweise sogar schon schachartige Züge. Man kann seine Züge - nein, man muss seine Züge, weit im Voraus planen. Wie schaffe ich es in die Mitte? Kann ich hier meine Mitspieler blockieren? Verweile ich erstmal am Rand oder wage ich einen forschen schnellen Zug zur Mitte?


Photosynthesis ist echte Arbeit. Mir persönlich sogar zu viel Arbeit. Mit vier Spielern fast schon nicht zu empfehlen, da einfach zu viel bedacht werden will. Keine Frage. Das Spiel schafft es - trotz des abstraktes Mechanismus das Thema perfekt zu transportieren. Aber das reicht mir nicht.
Zudem ist das Spiel extrem anfällig für Spieler mit langer Nachdenkphase, sodass ein eigentliches flottes Spiel sich ganz schnell in die Länge ziehen kann. Mich persönlich sollen Spiele unterhalten. Photosynthesis fühlte sich stets eher anstrengend an, als locker und leicht. Nicht falsch verstehen. Ich habe auch nichts gegen denklästige Euros, aber irgendwie habe ich das Gefühl dort mehr Lohn für meine Mühen zu bekommen. Photosynthesis lässt mich nach dem Denksport eher erschöpft zurück, als befriedigt.
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Photosynthesis von Hjalmar Hach
Erschienen bei Blue Orange Games
Für 2 bis 4 Spieler in ca. 60 Minuten

sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek oder dem jeweiligen Verlag (hier Blue Orange Games)

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