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Mittwoch, 11. Dezember 2013

Luchador! Mexican Wrestling Dice - Helden meiner Kindheit

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Es gibt so Tage an denen man feststellt, dass der Zahn der Zeit auch nicht an einem selbst spurlos vorbei geht. Das sind dann so Momente, in denen ich denke: Wow. Und man ist froh, dass es gewisse Konstanten gibt im Leben. Genug philosophiert. Zum Thema!
So einen Moment durfte ich erst neulich wieder erleben. Ich sitze nichtsahnend im Bus. Vor mir zwei heranwachsende Teenager, Knopf im Ohr und trotzdem den ganzen Bus beschallend mit dem Smartphone. Während ich noch darüber nachdenke, dass zu meiner Jugendzeit die Abspielgeräte riesig und die Kopfhörer besonders klein waren und heute sich dieses Verhältnis um 180° gedreht hat, horche ich plötzlich auf. Habe ich da Wrestlemania gehört? Ich höre genauer hin. Es fällt der Name John Cena. Wer zur Hölle ist John Cena?
Zu hause angekommen recherchiere ich ein wenig. Will in Nostalgie meiner Jugend schweben. Mich an die endlosen Fernsehnächte auf DSF erinnern mit packenden Matches zwischen Hulk Hogan und dem Ultimate Warrior, mit Bret Hart gegen Yokozuna oder mit Razor Ramon und Shawn Michaels. Doch ich werde enttäuscht. Was ist nur passiert aus dem (okay das Adjektiv "ehrlich" wäre bei einem Showsport wie Wrestling unangebracht) Sport geworden, der mich einst so faszinierte? Die WWE (für die Nostalgiker unter uns: Das war früher die WWF) scheint sich dem Zahn der Zeit angepasst zu haben: Bunter, greller, abgefahrener. Das scheint das untrügliche Credo. Fehlanzeige für Charakterköpfe wie Ric Flair, Andre the Giant oder Macho Man Randy Savage. Ich gebe zu, dass ich gerne in Nostalgie schwärme, wenn es ums Wrestling geht. Manches war früher eben doch besser, zumindest total subjektiv betrachtet.


 
Schon lange habe ich mit dem Gedanken gespielt, mal ein Wrestling Brettspiel zu kaufen. Eine kurze Lektüre auf Boardgamegeek verriet aber lediglich, dass die existierenden Spiele entweder alt und damit schwer und nur teuer zu ergattern sind, oder halbwegs neu aber schlecht, und somit doof zu spielen sind. Umso mehr war ich gespannt, als dann zur Messe 2013 Luchador! Mexican Wrestling Dice von Backspindle Games erschien. Das Ganze machte einen recht sympathischen Eindruck. Ich hatte zugegebenermaßen auch bereits ein paar Anforderungen an ein gutes Wrestlingspiel gestellt. Vorallem schnell sollte es sein. Dazu ein Mechanismus, der die Action des Sports gut transportiert und das Ganze noch versüßt mit ein wenig Thema. Den Rest würde ohnehin die Vorstellungskraft erledigen.

Viel Vorstellungskraft braucht man allerdings um Luchador! Mexican Wrestling Dice genießen zu können. Reduziert man das Gesamtpaket aufs reine Spiel und seine Mechanismen hat man eine recht stumpfsinnige Würfelei, bei der die Ergebnisse (abgesehen von ein paar Sonderregeln) gegenübergestellt werden und entsprechende Auswirkungen entfalten. Dazu kommen die Herzstücke des Spiels - die Würfel - in mehr als mäßiger Qualität. Besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass sich alles um jene eben dreht und der Preis von knapp 25,00 EUR recht happig für ein Würfelspiel ist.
Gott sei Dank besteht Luchador! Mexican Wrestling Dice aber nicht nur aus den Spielmechanismen, sondern aus viel Thema. Es ist zugegebenermaßen ein Liebhaberspiel. Ein Spiel für Wrestlingfans. Ein Spiel für die Kneipe. Eins zum Lachen. Eins zum Weinen. Luchador! Mexican Wrestling Dice lebt davon, dass die Spieler die erwürfelten Ergebnisse, wie den "Tableslam", den "Choke" oder den "Finishingmove" lauthals kommentieren und sich vor ihrem geistigen Auge die gerade gespielte Spielszene vorstellen.
Kleine witzige Mechanismen, wie dass die gewürfelten Würfel auf dem Mini-Ring-Spielbrett landen müssen um gewertet zu werden oder dass bei einem Pinversuch der Pinnende den bekannten "Threecount" per Klopfen auf die Tischplatte nachspielt, sorgen für Unterhaltung. Da stört dann auch nicht die fast nicht vorhandene Taktik im Spiel. Kurze Spieldauer, die spielerisch völlig bedeutungslosen aber thematisch herrlichen und sehr ausführlichen Beschreibungen der "Finisher", sowie die knackig bunte Aufmachung des Spiels täuschen über die zuvor genannten Mängel großzügig hinweg und verweisen auf das Wesentliche - den Spaß am Spiel.
Ist man entsprechend in der Stimmung und lässt es zu, dass das Spiel die Spieler in eine Wrestlingszene wirft, dann bereitet Luchador! Mexican Wrestling Dice mit wenigen Mitteln in sehr kurzer Zeit eine Menge Spaß. Ist man kein Wrestlingfan oder fehlt es an Vorstellungskraft, dann kann ich nicht guten Gewissens eine Empfehlung aussprechen.


Frage: "Okay, okay ich habe Vorstellungskraft. Das Ganze klingt ja recht witzig. Ich beiße an! Aber mexikanisches Wrestling? Ich will aber die "Golden Era" nacherleben. Die Stars meiner Jugend aufleben lassen. Bin ich denn trotzdem richtig?" Antwort: "Luchador! Mexican Wrestling Dice ist zwar thematisch beim mexikanischen Wrestling angesiedelt, aber das muss keinen US-Wrestling Fan stören. Mit wenigen Handgriffen wird per Photoshop schnell aus "El Perro" ein Hulk Hogan und aus "La Loca" ein Bret Hart."

Noch ein bisschen Werbung in eigener Sache. Wer zwar mit dem Wrestlingthema nichts anfangen kann, aber ein Spiel dieser Art mit dem Thema einer Saloonschlägerei sucht, der liest am besten meine Rezension von High Noon Saloon.



 

Luchador! Mexican Wrestling Dice von Mark Rivera
Erschienen bei Backspindle Games
Für 2 oder 4 Spieler in ca. 10 Minuten
Boardgamegeek-Link





sämtliche Bilder sind von www.boardgamegeek.com bzw. vom jeweiligen Verlag (hier Backspindle Games)

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